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· Carsten Schneider

Zwischen Fernweh und Ankommen – Gedanken übers Reisen im Laufe des Lebens

Ich sitze am Bahnhof, irgendwo zwischen Aufbruch und Alltag, und warte auf meinen Zug Richtung Süden. Sardinien. Ein schönes Ziel, keine Frage. Und ich weiß auch: Es wird mir guttun. Das Licht, das Meer, die Weite.

Und trotzdem ist da dieses leise Gefühl – dass sich etwas verändert hat. Dieses ungeduldige Fernweh von früher, das mich kaum stillsitzen ließ, ist ruhiger geworden. Nicht weg. Aber leiser.

Ich war fast zwanzig Jahre meines Lebens unterwegs, vor allem in Asien. Nicht organisiert, nicht durchgeplant. Eher getrieben von Neugier. Von diesem inneren Ziehen, das man schwer erklären kann. Ich wollte sehen, wie die Welt ist – und vielleicht auch, wer ich darin bin.

Wenn ich heute daran denke, wird mir warm ums Herz.

Dieses Unterwegssein als junger Mensch – das hat eine ganz eigene Magie. Alles ist neu. Wirklich neu. Man kommt irgendwo an und weiß nichts. Versteht die Sprache nicht, kennt die Regeln nicht, riecht zum ersten Mal diese fremden Gerüche, hört andere Geräusche, sieht andere Farben. Und man lässt sich darauf ein.

Man staunt mehr. Fühlt intensiver. Verliebt sich schneller – in Orte, in Menschen, manchmal in ein ganzes Lebensgefühl.

Ich glaube, genau das ist es, was man später nicht mehr in dieser Form zurückbekommt.

Viele machen es anders. Erst die „wichtigen Dinge“: Ausbildung, Beruf, Familie, Sicherheit. Und irgendwann, wenn endlich Zeit ist, soll dann das Reisen kommen. Das große Genießen, das Nachholen.

Und ja – das kann wunderbar sein. Es gibt so viele Menschen, die sich im Alter nochmal aufmachen und die Welt entdecken. Das hat auch etwas Schönes, etwas Ruhiges.

Aber ich glaube, man darf sich nichts vormachen.

Der Körper verändert sich. Die Energie auch. Dinge, die früher leicht waren, kosten plötzlich Kraft. Der Akku ist schneller leer. Und manchmal merkt man: Das, was man sich für „später“ aufgehoben hat, passt nicht mehr so richtig zu dem Menschen, der man dann ist.

Und noch etwas ist mir wichtig geworden: Es gibt keine Garantie, dass dieses „später“ überhaupt so kommt, wie man es sich ausmalt. Das Leben ist nicht planbar. Manchmal kommen Dinge dazwischen – gesundheitlich, finanziell oder einfach, weil das Leben eine andere Richtung nimmt. Und dann ist das, worauf man so lange gewartet hat, plötzlich nicht mehr erreichbar.

Dieser Gedanke hat für mich nichts Bedrohliches. Aber er macht ehrlich.

Ich habe mich damals anders entschieden. Ich habe das Reisen vorgezogen. Habe mir nicht viel Gedanken über Karriere oder Absicherung gemacht. Das spüre ich heute natürlich auch. Es ist nicht alles bequem.

Und trotzdem – wirklich aus tiefstem Herzen – ich würde es wieder genauso machen.

Weil mir diese Jahre niemand nehmen kann. Dieses Gefühl von Freiheit. Dieses Staunen. Diese Intensität. Dieses Lebendigsein.

Heute reise ich anders.

Ich brauche nicht mehr so viel. Ich muss nicht mehr überall gewesen sein. Ich kann irgendwo sitzen und einfach schauen. Und das reicht oft schon. Vielleicht sehe ich heute weniger – aber ich sehe manches tiefer.

Auch das hat etwas sehr Schönes.

Wenn ich jemandem etwas mitgeben dürfte, dann vielleicht das:

Wartet nicht zu lange. Wenn ihr die Möglichkeit habt, geht los. Fahrt weg. Verliert euch ein bisschen. Lasst euch überraschen. Nicht irgendwann, wenn alles perfekt passt – denn dieser Moment kommt selten.

Und gleichzeitig: Hab keine Angst vor dem späteren Reisen. Es ist anders. Ruhiger. Vielleicht stiller. Aber es kann genauso wertvoll sein.

Reisen verändert sich mit uns.

Und vielleicht ist es am Ende gar nicht so wichtig, wie weit man kommt – sondern wie offen man unterwegs bleibt.

Egal in welchem Alter.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen