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· Carsten Schneider

Wenn nichts fest ist – und warum genau darin etwas trägt.

Ich habe früher geglaubt, dass Sicherheit etwas ist, das man erreichen kann. Dass man sich ein Leben aufbaut, Strukturen schafft, Pläne macht – und dass das dann im Idealfall hält.

Heute fühlt sich das für mich anders an.

Nicht, weil ich glaube, dass alles „zerbricht“. Sondern weil ich mehr und mehr sehe, dass nichts jemals wirklich fest war.

Alles verändert sich. Immer.

Leben als Bewegung, nicht als Zustand

Ich habe viele Jahre als Krankenpfleger im Krankenhaus gearbeitet und dort viele Menschen in ihrem Sterbeprozess begleitet. Diese Erfahrungen haben meine Sicht auf Leben und Veränderung nachhaltig geprägt.

Im Krankenhaus begegnet man dem Leben in seiner rohesten Form. Und manchmal auch dem Sterben. Dort habe ich sehr unterschiedliche Arten von Menschen gesehen, mit dem Ende umzugehen.

Manche hielten innerlich fest, als müsste noch etwas geklärt, zurückgeholt oder kontrolliert werden. Es war spürbar, dass da noch viele offene Knoten im Leben waren, die sich im Moment des Loslassens nicht einfach auflösen ließen.

Andere wurden stiller. Nicht unbedingt „friedlich“ im romantischen Sinn, eher weicher. Weniger Widerstand, weniger Kampf gegen das, was ohnehin geschieht.

Ich habe das lange versucht zu erklären – psychologisch, biografisch, medizinisch. Heute bin ich vorsichtiger mit einfachen Antworten. Aber ich glaube, dass diese Unterschiede etwas mit der inneren Beziehung zum Leben selbst zu tun haben.

Die Illusion der Stabilität

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Stabilität war nie ein Zustand, sondern immer nur eine kurzfristige Form von Ordnung.

Wir erleben sie als selbstverständlich – in Beziehungen, in Arbeit, in Gesellschaften. Aber eigentlich ist sie nur eine Momentaufnahme in einem viel größeren Fluss von Veränderung.

Und wenn wir anfangen, uns zu sehr an diese Momentaufnahme zu klammern, entsteht etwas anderes: Enge. Angst. Festhalten.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir uns unbewusst von Möglichkeiten abschneiden – nicht weil sie nicht mehr da sind, sondern weil innerlich kein Raum mehr ist, sie zu sehen.

Verdrängung und Kontrolle als Versuch, das Fließen zu stoppen

Ich verstehe Verdrängung heute nicht mehr als Schwäche, sondern als Versuch, mit Überforderung umzugehen.

Wenn zu viel Veränderung gleichzeitig bewusst wäre, würde etwas in uns kollabieren.

Aber dieser Versuch hat seinen Preis: Er erzeugt innere Spannung. Ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ohne dass man es greifen kann.

Kontrolle ist in diesem Sinn oft der Versuch, etwas festzuhalten, das eigentlich in Bewegung ist.

Eine andere Perspektive: Bewusstsein statt Festhalten

In der yogischen und spirituellen Sicht, die mir in den letzten Jahren nähergekommen ist, wird genau das anders betrachtet.

Leben ist hier kein statisches Gebilde, sondern Bewusstsein in Bewegung. Veränderung ist nicht Ausnahme, sondern Naturgesetz.

Und wenn alles in Bewegung ist, kann Sicherheit nicht im Außen liegen.

Sie liegt – wenn überhaupt – in etwas anderem: in der Fähigkeit, verbunden zu bleiben, während sich alles verändert.

Verbindung statt Kontrolle

Diese Verbindung wird in vielen Traditionen unterschiedlich benannt: Bewusstsein, das Göttliche, das Eine, das Selbst.

Ich erlebe es weniger als Konzept und mehr als eine Art inneres Erinnern: dass ich nicht getrennt bin von dem Fluss, in dem alles geschieht.

Und wenn das stimmt, dann verschiebt sich die Frage.

Dann geht es nicht mehr darum, alles festzuhalten oder zu sichern.

Sondern darum, nicht zu vergessen, dass ich Teil von etwas bin, das größer ist als die aktuelle Form.

Maya und die Ebene der Erfahrung

In der Sprache der indischen Philosophie könnte man sagen: Wir bewegen uns in Maya – in der Welt der Formen, der Veränderung, der Erscheinungen.

Das bedeutet nicht, dass sie „nicht real“ ist, sondern dass sie nicht das Ganze ist.

Sie ist die Erfahrungsfläche. Der Ort, an dem sich Bewusstsein selbst erlebt – in Angst, in Freude, in Verlust, in Neubeginn.

Und vielleicht ist genau das der Sinn dieser Bewegung: nicht etwas festzuhalten, sondern zu erfahren, wie Bewusstsein sich durch Wandel ausdrückt.

Ein persönlicher Gedanke zum Schluss

Ich habe aufgehört, Sicherheit als etwas zu sehen, das man erreichen kann.

Vielleicht ist die einzige Form von „Sicherheit“, die es wirklich gibt, etwas anderes: nicht fest zu werden, wenn sich das Leben bewegt.

Und sich daran zu erinnern, dass hinter allem, was sich verändert, etwas ist, das nicht verliert – weil es nie getrennt war.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen