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· Carsten Schneider

Anekdoten IX. Yogi Drama wird geboren

Nach der Erfahrung auf der Dachterrasse mit dem Drachen begann ich nicht nur zu glauben, was in dem Buch von Paramahansa Yogananda beschrieben wurde, sondern ich begann generell an Wunder zu glauben.

Wie gesagt, alle kann ich hier gar nicht erzählen. Das würde für den Leser wahrscheinlich wieder wie Grimms Märchen klingen. Aber eines würde ich gerne noch teilen.

Es war ebenfalls in Pushkar, dieser heiligen Stadt am Rand der Wüste, die für mich damals längst mehr geworden war als nur ein Ort. Dort gab es diesen heiligen See, an dem die rituellen Waschungen vorgenommen wurden. Rund um das Wasser lagen die Ghats, breite steinerne Stufen, auf denen gebetet, gebadet, meditiert und einfach geschaut wurde.

Am Ostufer befand sich ein kleiner Chai-Laden.

Nichts Besonderes eigentlich. Ein kleiner Verschlag mit dampfenden Kesseln, ein paar Bechern und diesem würzigen Duft aus Milch, Tee, Kardamom und Feuerrauch, der sich abends mit der Luft über dem See vermischte. Viele Menschen holten sich dort ihren Chai und setzten sich dann auf die Stufen am Wasser, um den Sonnenuntergang zu beobachten.

Und diese Sonnenuntergänge waren tatsächlich jeden Abend wie ein kleines Ritual.

Die Sonne verschwand langsam hinter der Wüste, färbte den Himmel orange und violett, während irgendwo aus Tempeln Musik herüberwehte. Glocken, Gesänge, Trommeln, manchmal nur einzelne Stimmen. Allein dort zu sitzen hatte bereits etwas Magisches.

An einem dieser Abende saß ich ebenfalls dort, völlig versunken in diesen Moment. Ich hatte meinen Tee neben mir abgestellt, schaute auf das Wasser hinaus, meditierte ein wenig vor mich hin und verlor mich langsam in diesem Zustand zwischen Beobachten und Wegdriften.

Plötzlich hörte ich neben mir ein lautes Schlürfen.

Erst verstand ich gar nicht, was das war.

Ich drehte mich um — und direkt hinter mir stand eine Kuh, die seelenruhig meinen Chai austrank.

Ganz genüsslich.

Ich musste lachen und sagte irgendetwas wie: „Hey Kuh, was machst du denn da?“

Die Kuh schaute mich vollkommen ruhig an, fast würdevoll, und hielt mir dann ihren Kopf entgegen, als würde sie erwarten, gestreichelt zu werden. Ich kraulte sie unter dem Hals und sie schloss halb die Augen, sichtbar zufrieden mit sich und der Welt.

Und seltsamerweise fühlte sich auch dieser absurde Moment vollkommen richtig an.

Nicht lächerlich. Nicht surreal.

Einfach nur verbunden.

Später am Abend ging ich noch weiter hinein in das Zentrum von Pushkar. Dort waren viele kleine Tempel, enge Gassen, heilige Männer mit langen Bärten und Turbanen, die irgendwo im Halbdunkel saßen, Tee tranken oder einfach schauten.

Und dann hörte ich wieder Musik.

Damals wusste ich noch nicht, dass diese Gesänge Bhajans genannt werden — spirituelle Lieder, die in Indien oft gemeinsam gesungen werden. Für mich war es einfach nur eine seltsame, undefinierbare Musik. Aber sie hatte etwas Anziehendes.

Ich folgte dem Klang.

Zuerst dachte ich, irgendwo müsse eine größere Zeremonie stattfinden. Aber je näher ich kam, desto weniger war zu sehen. Schließlich stand ich vor einem winzigen Tempel, kaum höher als anderthalb Meter, eher wie eine kleine steinerne Höhle.

Und aus diesem kleinen Raum drang die Musik.

Neugierig blickte ich hinein.

Dort saßen vielleicht zehn oder zwölf dieser heiligen Männer, mit langen Bärten, Turbanen und einfachen Gewändern, dicht gedrängt im Kreis. Einer trommelte, andere sangen, manche hatten die Augen geschlossen. Der ganze kleine Raum vibrierte von Stimmen und Rhythmus.

Und plötzlich bemerkte mich einer von ihnen.

Er lächelte sofort und sagte:

„Oh, Yogi Drama, come in, join us.“

Ich wunderte mich darüber. Es klang, als würde er mich kennen. Aber ich dachte mir nichts weiter dabei und setzte mich einfach dazu.

Kaum saß ich im Kreis, hatte ich schon wieder einen frischen Chai in der Hand.

Ich ließ erstmal alles auf mich wirken.

Und dann geschah etwas, das ich bis heute nicht wirklich erklären kann.

Innerhalb weniger Minuten hatte ich das Gefühl, vollkommen Teil dieser Gruppe zu sein. Nicht wie ein Tourist, der zuschaut. Nicht wie ein Fremder.

Sondern als würde ich dazugehören.

Die Männer sangen ihre Bhajans, und plötzlich verstand ich die Texte. Ich kannte die Melodien. Ich konnte mitsingen. Die Worte kamen einfach aus mir heraus, obwohl ich diese Sprache eigentlich gar nicht konnte.

Es war, als hätte jemand irgendwo in mir einen Schalter umgelegt.

Wie ein kurzer Wechsel in eine andere Zeit, vielleicht in ein anderes Leben, eine andere Erinnerungsschicht, etwas, das sich jeder vernünftigen Erklärung entzog.

Und trotzdem fühlte es sich vollkommen natürlich an.

Vor allem fühlte es sich zutiefst heilig an.

Nicht im religiösen Sinn, sondern in diesem unmittelbaren Gefühl von Verbundenheit mit etwas Größerem, das plötzlich ganz nah war.

Irgendwann war der Abend vorbei.

Die Männer verabschiedeten mich freundlich.

„Goodbye, Yogi Drama.“

Wieder nannten sie mich so.

Damals wusste ich noch nicht, was Yogi Drama eigentlich sein sollte. Aber für diese Stunden spielte das auch keine Rolle.

Ich ging wieder hinaus in die Gassen von Pushkar.

Und kaum war ich draußen, verstand ich die Sprache wieder nicht mehr.

Aber für diesen kurzen Moment dort drinnen war es gewesen, als hätte ich mich an etwas erinnert, das ich längst vergessen hatte.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen