Ich werde Yogi und treffe meinen Guru
Das Tolle an diesem kleinen Ashram in Hamburg-Winterhude war, dass es nicht einfach ein Gymnastikstudio war, sondern tatsächlich ein echter spiritueller Ort. Ein Ashram im klassischen Sinn, mit einer klaren Ausrichtung auf eine bestimmte Yogatradition und einen lebendigen Lehrer.
Im Zentrum dieser Tradition stand ein indischer Guru, ein Meister dieses Systems, dessen Linie sich über mehrere Generationen von Lehrern zurückverfolgen ließ. Diese sogenannte Gurulinie wurde im Ashram sichtbar verehrt – mit Bildern an den Wänden, einem kleinen Altarraum, Blumen, Kerzen. Allein die Präsenz dieser Bilder hatte für mich damals etwas stark Verdichtetes, fast Aufgeladenes. Als würde sich die gesamte Geschichte dieser Linie dort im Raum sammeln.
Und dieser Guru selbst war nicht nur eine Figur aus der Ferne. Er reiste tatsächlich regelmäßig durch Europa und kam auch gelegentlich nach Hamburg.
Ich war noch relativ am Anfang meines Yogawegs, vielleicht nach dem zweiten Jahr, als ich hörte, dass er wieder kommen würde. Und natürlich wollte ich ihn sehen.
Da der kleine Ashram längst mehr Besucher hatte, als dort Platz fanden, wurde für diesen Anlass die Aula einer Schule in Alsterdorf gemietet. Dort sollte der sogenannte Satsang stattfinden.
Ein Satsang ist im yogischen und vedantischen Kontext ein Treffen in der „Gesellschaft der Wahrheit“. Wörtlich bedeutet es etwa „Zusammensein mit dem Wahren“ oder „Gemeinschaft in der Wahrheit“. Praktisch ist es meist eine Zusammenkunft mit einem Lehrer, bei der dieser spricht, Fragen beantwortet oder einfach Impulse gibt, während die Zuhörer zuhören, meditieren oder in Stille sitzen. Oft hat es eine Mischung aus Vortrag, Meditation und gemeinsamer Ausrichtung.
Ich ging also hin.
Und ehrlich gesagt: viel passierte dort zunächst nicht im äußeren Sinn. Der Guru saß vorne, sprach über verschiedene Themen – Weltfrieden, Umwelt, innere Haltung, solche Dinge. Sehr allgemein, sehr ruhig, ohne große Dramatik.
Am Ende des Satsangs gingen Menschen nach vorne. Sie verbeugten sich, knieten sich nieder, brachten Blumen, kleine Geschenke, manchmal auch Pralinen. Es war eine Form von Verehrung, die ich so nicht kannte und die für mich als Neuling etwas fremd wirkte.
Ich erinnere mich, dass ich innerlich dachte: Was hat es denn jetzt mit den Pralinen auf sich?
Dann war die Veranstaltung vorbei.
Ich ging nach draußen, Richtung Auto, und bemerkte, dass es angefangen hatte zu regnen. Kein dramatischer Regen, eher dieser norddeutsche, hartnäckige Regen, der sich langsam steigert.
Und plötzlich dachte ich: Der arme Guru wird da jetzt gleich im Regen stehen.
Ich hatte zufällig einen Regenschirm im Auto.
Ohne lange nachzudenken ging ich zurück in das Gebäude, einfach mit dem Gedanken, ihm den Schirm zu geben. Ganz pragmatisch.
Als ich wieder in das Foyer der Aula kam, stand er dort tatsächlich allein. Ohne große Begleitung, vielleicht gerade zwischen zwei Momenten, wartend auf seine Leute.
Ich ging direkt auf ihn zu, ohne Umwege, drückte ihm den Schirm in die Hand und sagte:
„Hier, endlich mal ein nützliches Geschenk. Es regnet.“
Dann drehte ich mich um und ging wieder.
Er war sichtbar einen Moment lang überrascht, nahm den Schirm aber einfach an sich.
Einige Tage später bekam ich ihn tatsächlich im Ashram zurück.
Später wurde mir klar, dass diese Begegnung für viele dort alles andere als alltäglich gewesen wäre. Normalerweise hätte man sich vermutlich anders verhalten, mit mehr Abstand, mehr Ritual, mehr Form. Vielleicht hätte man sich verbeugt, vielleicht Blumen gebracht, vielleicht den Schirm getragen, ohne ihn je einfach in die Hand zu drücken.
Aber mir kam das damals nicht in den Sinn.
Es war keine bewusste Respektlosigkeit. Eher das Gegenteil: eine sehr unmittelbare Form von Normalität.
Und so wurde diese erste Begegnung mit meinem Lehrer zugleich auch eine Begegnung ohne jedes vorbereitete Drehbuch.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
