1. Startseite
  2. Blog
  3. Anekdoten VIII. Drachen der Lüfte

· Carsten Schneider

Anekdoten VIII. Drachen der Lüfte

Pushkar war eine besondere, heilige Stadt, gebaut um einen kleinen See, der in der hinduistischen Tradition als einer der wenigen wirklich heiligen Seen Indiens gilt.

Pushkar liegt am Rand der Wüste von Rajasthan und wirkt wie ein Übergangsort zwischen zwei Welten: der kargen Weite der Sandlandschaft und der dichten, spirituell aufgeladenen Enge der Stadt selbst. Rund um den See führen steinerne Ghats hinunter zum Wasser, breite Treppenanlagen, auf denen Pilger baden, beten, kleine Opfergaben ins Wasser geben oder einfach nur still sitzen und schauen.

Morgens liegt Rauch von Räucherwerk in der Luft, vermischt mit Glockenklang und Mantras, während sich das Licht langsam über die Stufen und das Wasser legt.

Die Stadt selbst ist eng, bunt und voller Leben. Gleichzeitig hat sie etwas Entschleunigtes, fast Entrücktes, als würde sie sich selbst nicht ganz ernst nehmen und doch vollkommen in ihrer Rolle als heiliger Ort aufgehen. In den schmalen Gassen bewegen sich Pilger, Händler, Reisende und heilige Männer nebeneinander, während Kühe selbstverständlich ihren Weg durch das Geschehen finden.

In Pushkar war vieles anders als in den großen, lauten Städten Indiens.

Es gibt dort keinen Alkohol, kein Fleisch, und auch andere Substanzen sind offiziell nicht erlaubt. Trotzdem hat sich rund um diese Regeln eine eigene, sehr indische Grauzone entwickelt: In manchen kleinen Cafés bekommt man süße Lassis, in denen auf leise, fast beiläufige Weise Haschisch mitverarbeitet ist – sogenannte „Bhang Lassis“. Alles wirkt gleichzeitig streng und gelockert, geregelt und doch improvisiert.

Einmal im Jahr verändert sich die Stadt vollständig, wenn der große Kamelmarkt stattfindet. Dann füllt sich die Umgebung mit Zelten, Tieren, Händlern und Reisenden. Männer mit Turbanen führen Kamele durch den Sand, es wird gehandelt, gefeilscht, geschlafen, gefeiert – und die Stadt wirkt dann wie eine Mischung aus Jahrmarkt, Ritual und Wüstenlager.

Ich hatte meine Unterkunft in der sogenannten Yogi Lodge. Ein sehr einfaches, kleines Guesthouse, wie gemacht für Reisende, die irgendwo zwischen Alltag und Suche hängen geblieben waren – Yogis im weitesten Sinne, zu denen ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits selbst irgendwie zählte.

Die Häuser in Pushkar hatten alle diese flachen Dächer, die man betreten konnte. Und genau dort spielte sich für mich ein großer Teil des Tages ab. Auf den Dächern saß man über der Stadt, sah über den See hinweg bis hin zur Wüste, und erlebte dort Sonnenuntergänge, die den Himmel langsam in tiefe Orange- und Violetttöne tauchten. Unten blieb das Leben eng und laut, oben wurde es weit und still.

Dort oben hatte ich oft mein Yogananda-Buch gelesen.

Paramahansa Yogananda beschreibt in seiner Autobiographie viele kleine Episoden, die für den westlichen Leser oft wie Märchen wirken – Begegnungen, Synchronizitäten, scheinbare Wunder, die sich jeder rein rationalen Erklärung entziehen. Und doch sind sie in der Erzählung nicht als Fantasie gemeint, sondern als Hinweise auf eine andere Schicht von Wirklichkeit, in der Bewusstsein und Welt weniger getrennt erscheinen, als wir es gewohnt sind.

Je länger ich dort oben saß, zwischen Buch und Sonnenuntergang, desto weniger fühlte sich diese Grenze zwischen „Gelesenem“ und „Erlebtem“ stabil an.

Und in diesem Abschnitt des Buches ging es um Drachen.

Nicht nur um das kindliche Spiel des Drachensteigens, sondern um eine Art Wettbewerb am Himmel:

Die Kinder – und oft auch Erwachsene – lassen kleine, sehr wendige Drachen steigen, die an besonderen Schnüren befestigt sind. Diese Schnüre sind mit einer Mischung aus Klebstoff und fein zermahlenem Glas beschichtet, in Indien „manjha“ genannt. Dadurch werden sie scharf, fast wie Klingen im Wind.

Sobald mehrere Drachen gleichzeitig in der Luft sind, beginnt ein stiller Wettbewerb. Die Spieler versuchen, ihre Drachen so zu führen, dass sich die Schnüre kreuzen. Mit Geduld, Geschick und Windgefühl wird der richtige Moment gesucht, in dem die eigene Schnur die des anderen berührt und durch Reibung durchtrennt. Gelingt das, verliert der gegnerische Drachen den Halt und stürzt ab. Der Sieger darf oft den frei gewordenen Drachen am Himmel einholen – ein kleiner, flüchtiger Triumph im Wind.

Ich erinnere mich, wie ich das las und gleichzeitig auf die Dächer von Pushkar hinausblickte, wo irgendwo tatsächlich Drachen am Himmel standen, kleine Punkte im Gegenlicht der untergehenden Sonne.

Und in diesem Moment begann sich das Bild aus dem Buch mit der Realität zu überlagern.

Genau in dieser Zeit, während ich noch auf dem Dach saß und das Kapitel über die Drachen beendet hatte, geschah etwas, das sich im Nachhinein kaum sauber von Bedeutung und Zufall trennen lässt.

Ich blickte vom Buch auf und sah hinauf in den Himmel über Pushkar.

Dort waren tatsächlich Drachen.

Kleine Punkte, die sich im Licht der sinkenden Sonne bewegten, gelenkt von Jungen irgendwo unten in den Gassen, unsichtbar, aber deutlich spürbar in ihrer Präsenz. Die Schnüre zogen Linien in den Himmel, kaum erkennbar, aber doch da, als würde der Raum selbst in Bewegung geraten.

Ich blieb einfach sitzen und schaute zu.

Und dann kam ein Windstoß.

Nur ein kurzer, unscheinbarer Moment, wie er in dieser Stadt ständig vorkommt.

Einer der Drachen löste sich, verlor seinen Halt und glitt langsam herab, nicht dramatisch, eher wie etwas, das sich entschieden hatte, zu landen statt zu stürzen. Und er fiel – fast absichtslos wirkend – genau in meine Nähe, auf das Dach, direkt vor meine Füße.

Ich erinnere mich noch, wie still dieser Augenblick wurde.

Nicht außen, sondern innen.

Als hätte sich für einen Moment alles zusammengezogen: das Buch, die Geschichte, die Drachen im Himmel, der Wind, mein Blick, meine Gedanken.

In mir entstand sofort das Gefühl, dass hier etwas zusammenpasste, das nicht zufällig zusammengepasst hatte.

Es war kein Beweis im rationalen Sinn. Aber es fühlte sich so an.

Als würde die Welt auf eine sehr direkte, fast kindliche Weise antworten.

Und in dieser Interpretation begann sich etwas zu verschieben.

Die Geschichten in dem Buch von Paramahansa Yogananda waren für mich von diesem Moment an nicht mehr nur Texte über ferne Wunder oder symbolische Erzählungen. Sie bekamen eine Art Gewicht in der Realität selbst. Nicht, weil sie bewiesen waren, sondern weil sie sich in meiner Wahrnehmung mit dem Leben überlappten.

Ich begann ihm mehr zu vertrauen.

Langsam, nicht plötzlich.

Und obwohl er physisch nicht mehr in dieser Welt war, wurde er in dieser Phase meiner Reise etwas, das ich nur schwer anders nennen konnte als einen ersten Lehrer.

Einen Guru im inneren Sinn des Wortes – nicht als Autorität, sondern als Orientierung in einer Welt, die plötzlich wieder offen geworden war.

Und je länger ich dort oben saß, desto weniger wichtig wurde die Frage, ob solche Momente „wirklich“ etwas bedeuteten.

Wichtiger war, dass sie etwas in mir veränderten.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen