Ich werde in Kriya eingeweiht und erfahre den Sinn des Lebens
Wow.
Es gibt eine Kriya-Einweihung in Hamburg.
Das hatte ich tatsächlich in irgendeinem esoterischen Magazin gelesen, das wahrscheinlich zwischen Räucherstäbchenwerbung, Vollmondkalender und Atlantis-Seminaren auslag. Aber mitten darin stand plötzlich dieses Wort, das mich sofort elektrisierte:
Kriya.
Kriya war also offenbar nicht mit Yogananda gestorben. Die Linie lebte weiter. Es gab anscheinend direkte Nachfolger, eine ununterbrochene Guru-Linie, die diese Einweihung weiterhin weitergab.
Und einer dieser Meister hieß Hari Harinanda.
Er sollte tatsächlich im Sommer nach Hamburg kommen.
Als ich das las, war ich sofort aufgeregt. Denn plötzlich schien etwas möglich zu werden, das für mich bis dahin fast wie eine Legende geklungen hatte: eine echte Kriya-Einweihung in der Tradition von Yogananda.
Der uralte Yogi-Turbo sozusagen.
Die geheime Technik, mit der man angeblich sein Bewusstsein beschleunigen, Karma verbrennen und irgendwann die Einheit mit Gott erfahren konnte.
Zumindest klang es in den Büchern ungefähr so.
Und natürlich meldete ich mich sofort an.
Die Einweihung fand schließlich in den Räumen eines gemeinnützigen Vereins statt. Nichts Geheimes also. Kein verborgener Tempel im Himalaya, keine Höhle voller erleuchteter Yogis, sondern ein ganz normaler Saal irgendwo in Hamburg.
Etwa hundert Menschen hatten sich dort versammelt, alle auf Meditationskissen sitzend, manche ganz in Weiß gekleidet, manche mit langen Bärten, manche mit dem leicht fiebrigen Blick spiritueller Suchender, die hofften, heute vielleicht den Sinn des Universums ausgehändigt zu bekommen.
Oben auf der Bühne saß ein orange gekleideter Inder.
Es war allerdings nicht Hari Harinanda selbst, sondern einer seiner Schüler. Trotzdem hatte er eine schöne Ausstrahlung. Ruhig, freundlich, gesammelt. Einer von diesen Menschen, die den Raum betreten und sofort wirkt alles ein wenig langsamer.
Die Einweihung selbst war viel nüchterner, als ich es mir vorgestellt hatte.
Im Grunde bestand sie aus einem Vortrag über die Tradition des Kriya-Yoga und die Bedeutung dieser uralten Technik. Kriya-Yoga gilt als ein sehr alter meditativer Atemweg, bei dem durch bestimmte Atemlenkungen und Konzentrationstechniken die Lebensenergie – im Yoga Prana genannt – bewusst durch den Körper geführt wird. Ziel ist es, den Geist zu beruhigen, innere Blockaden zu lösen und das Bewusstsein zu erweitern.
Yogananda bezeichnete Kriya-Yoga sogar als eine „spirituelle Wissenschaft“.
Natürlich machte genau das die Sache für westliche Sucher wie mich besonders attraktiv. Wissenschaft klang immer gut. Vor allem wenn sie versprach, Gott persönlich messbar näherzukommen.
Dann wurden wir in die eigentliche Technik eingeführt.
Die Atemführung wurde erklärt, die Konzentration, die innere Haltung. Und anschließend praktizierten wir gemeinsam.
Das war im Grunde schon die ganze Einweihung.
Kein geheimnisvoller Lichtstrahl vom Himmel.
Kein antippen der Stirn mit anschließender Erleuchtung.
Keine Mala.
Kein persönliches Mantra.
Anders als bei meinem Guru bestand diese Einweihung einfach darin, die Technik vermittelt zu bekommen.
Und trotzdem spürte ich sofort, dass darin Kraft lag.
Eine sehr starke Technik sogar.
Eine Technik, die mich bis heute begleitet.
Aber dazu später.
Guruus in Orange gelten ja im Allgemeinen als erleuchtet. Zumindest ging man damals davon aus. Und deshalb gab es nach der eigentlichen Einweihung noch einen Satsang, in dem man dem Meister Fragen stellen konnte.
Das funktionierte so: Man schrieb seine Frage auf einen kleinen Zettel, der wurde nach vorne gereicht und wenn man Glück hatte, wurde genau dieser Zettel gezogen und öffentlich beantwortet.
Und natürlich hoffte insgeheim jeder, dass genau seine Frage drankommen würde. Schließlich wollte man nicht irgendeine Antwort. Man wollte eine erleuchtete Antwort.
Ich befand mich damals gerade in einer ziemlich intensiven Phase meines Lebens. Nicht alles war leicht. Vieles brach auseinander, vieles veränderte sich und manchmal haderte ich durchaus mit dem Schicksal.
Also schrieb ich meine Frage auf den Zettel.
Sie lautete ungefähr:
„Wenn wir doch alle aus der göttlichen Einheit kommen, aus Vollkommenheit, warum inkarnieren wir dann überhaupt hier in diese materielle Welt, in diese Maya? Warum müssen wir alles vergessen, was wir einst wussten? Warum müssen wir krabbeln lernen, laufen lernen, sprechen lernen, denken lernen, das ganze Leben durchlaufen mit Krankheit, Verlust, Schmerz, Abschied und Tod – nur um am Ende wieder dort anzukommen, wo wir ohnehin schon herkommen? Was soll dieses ganze Theater eigentlich?“
Und tatsächlich wurde meine Frage gezogen.
Im Raum entstand sofort ein leichtes Schmunzeln.
Offenbar war ich nicht der Einzige, der mit der Existenz gelegentlich ein kleines Problem hatte.
Die Frage wurde ins Englische übersetzt und der Meister antwortete fast sofort. Ohne lange nachzudenken. Ganz klar. Ganz direkt.
„Enjoy the Drama.“
Genieße das Drama.
Das war die ganze Antwort.
Und seltsamerweise traf sie mich mitten ins Herz.
Vielleicht weil plötzlich alles so einfach wurde.
Nicht lösen.
Nicht gewinnen.
Nicht entkommen.
Nicht erleuchtet werden.
Einfach: das Drama genießen.
Und vielleicht verstand ich in diesem Moment zum ersten Mal ein kleines bisschen, warum das Universum überhaupt existiert.
Und natürlich passte diese Antwort auch auf eine fast schon unheimliche Weise zu dem Namen, der mir damals in Indien immer wieder begegnet war.
YogiDrama.
Damals wusste ich noch überhaupt nicht, was das bedeuten sollte. Aber nun bekam dieser Name langsam eine tiefere Bedeutung für mich.
„Enjoy the Drama.“
Genieße das Drama.
Das Leben wollte offenbar nicht überwunden werden. Es wollte erlebt werden.
Das war ungefähr die Zeit, in der ich bereits meine Ausbildung zum Heilpraktiker machte und gleichzeitig im Krankenhaus arbeitete. Und dort hatten wir einmal eine sehr feine alte Dame auf Station. Eine richtige Dame von der Hamburger Elbchaussee. 97 Jahre alt, elegante Ausstrahlung, wacher Geist und Augen voller Lebenserfahrung.
Und ich als junger Pfleger flirtete ein wenig mit ihr.
Mir hat Flirten einfach immer Freude gemacht. Eigentlich unabhängig von Alter oder Geschlecht. Nicht unbedingt als Eroberung, sondern eher als spielerische Form von Begegnung. Ein kleiner Tanz zwischen Menschen.
Jedenfalls neckte ich sie wohl ein wenig und sie schaute mich irgendwann an und sagte mit einem feinen Lächeln:
„Sie sind ja ein ganz schöner Schelm, Sie.“
Ich überlegte kurz, schaute diese alte Frau an, reich an Erfahrung, reich an Leben, und antwortete:
„Na ja … Sie waren wahrscheinlich auch nicht ganz ohne, oder?“
Da wurde sie plötzlich still.
Und ihre Augen begannen noch stärker zu leuchten.
Dann sagte sie ganz ruhig:
„Ja, mein Sohn … man kann am Leben nicht vorbeigehen.“
Dieser Satz traf mich ähnlich tief wie die Antwort des Gurus.
Man kann am Leben nicht vorbeigehen.
Das Leben wollte gelebt werden. Nicht vermieden. Nicht abgekürzt. Nicht spirituell umgangen.
Keine Technik der Welt konnte einem das eigentliche Menschsein ersparen.
Und langsam entstand daraus mein heutiges Weltbild.
Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg. Jeder Weg ist richtig. Jeder Weg enthält Erfahrungen, an denen die Seele wachsen kann.
Ich begann die Erde immer mehr als eine Art Erfahrungsplanet zu betrachten.
Vielleicht inkarnieren wir genau deshalb immer wieder hier: um Erfahrungen zu machen, die in der Einheit selbst gar nicht möglich wären.
Denn vielleicht muss man sich erst getrennt fühlen, um Einheit überhaupt bewusst erkennen zu können.
Vielleicht muss man Einsamkeit erfahren, um Liebe wirklich zu verstehen. Verlust, um Verbundenheit zu erkennen. Angst, um Vertrauen zu lernen.
Und obwohl wir alle irgendwo aus derselben Quelle stammen, aus dieser göttlichen Einheit, inkarnieren wir immer wieder in diesen begrenzten menschlichen Körper hinein – mitsamt allem Drama, das dazugehört.
Mit Liebe.
Mit Schmerz.
Mit Krankheit.
Mit Lust.
Mit Verlust.
Mit Hoffnung.
Mit Tod.
Und je mehr ich selbst durchlebt habe – Freudiges wie Schmerzhaftes – desto mehr konnte ich andere Menschen verstehen.
Wenn ich weiß, was du fühlst, weil ich selbst einmal dort war, entsteht Verbindung.
Und vielleicht weitet sich diese Verbindung irgendwann immer weiter aus.
Vielleicht habe ich tatsächlich schon unzählige Rollen gespielt. Vielleicht war ich in irgendeinem Leben einmal ein Heiliger. Vielleicht ein König. Vielleicht aber auch ein Betrüger, ein Narr oder sogar ein Mörder.
Wer weiß das schon.
Ich glaube jedenfalls immer weniger an dieses einfache Einteilen in Gut und Böse, Oben und Unten.
Am Ende scheint alles Erfahrung zu sein.
Erfahrung, durch die Bewusstsein sich selbst erkennt.
Und vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem wirklich alle notwendigen Erfahrungen gemacht wurden.
Dann hört vielleicht dieser ewige Dualismus auf.
Dann gibt es kein Ich und Du mehr.
Dann fällt die Trennung wieder zusammen.
Und vielleicht ist genau das das, was die Inder Brahman nennen.
Das Göttliche.
Die Einheit hinter allem.
Und vielleicht ist das am Ende das, was wir Erleuchtung nennen.
Die Kriya-Technik benutze ich tatsächlich bis heute noch. Es ist eine spezielle Atemübung, die mir immer wieder ermöglicht, mich mit dem Brahman, mit dem Göttlichen, mit dem Überbewussten zu verbinden.
Denn meistens bewegen wir uns entweder in unseren Gedanken oder im Unterbewusstsein. Das Unterbewusstsein ist das, was uns geprägt hat: unsere Muster, unsere Konditionierungen, unsere gespeicherten Erfahrungen.
Und diesem Bereich ist nicht immer zu trauen, wenn ich mich wirklich verändern oder in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln möchte.
Denn der Weg nach vorne ist etwas anderes als der Weg nach hinten. Und das Unterbewusstsein ist immer das Vergangene – es schaut zurück, es wiederholt, es reproduziert.
Oft hört man den Rat, man solle bei Entscheidungen nicht nur rational denken, sondern auf sein Bauchgefühl hören. Doch ehrlich gesagt ist auch das Bauchgefühl Teil des Unterbewussten – geprägt von Erfahrung, Erinnerung und Konditionierung. Auch das ist nicht frei von Mustern.
Das Unterbewusstsein kann einen genauso täuschen wie die Gedanken, die es hervorbringt.
Wenn ich wirklich eine klare Ausrichtung brauche, eine innere Richtung, dann suche ich nicht im Vergangenen, sondern im darüber hinausliegenden Raum – im Überbewussten, im Brahman selbst, jenseits von Konditionierung, jenseits von Mustern, jenseits von Gedanken.
„Ich bin nicht dieser Körper, ich bin nicht einmal der Geist“, heißt es in der Meditation, wie sie Satguru lehrt. Sehr schön.
Und genau deshalb bin ich bis heute dankbar, diese kleine Kriya-Technik zu haben. Denn sie gibt mir jederzeit die Möglichkeit, wenn mich die sogenannte „Matrix“ wieder zu sehr einnimmt, mich erneut auszurichten – und mich mit etwas Größerem zu verbinden.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
