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· Carsten Schneider

Anekdoten XII. Ich bekomme mein Mantra

Ich bekomme mein Mantra

Nach einigen Jahren des Yoga-Praktizierens – damals vor allem Hatha-Yoga – in unserem kleinen Ashram hatte ich immer noch diesen einen Wunsch: endlich eine Kriya-Einweihung zu bekommen. Das war ja eigentlich der Grund gewesen, weshalb ich überhaupt mit Yoga angefangen hatte.

Also ging ich eines Tages zur Ashram-Leiterin und fragte noch einmal:

„Wie ist das denn jetzt eigentlich mit der Kriya-Einweihung?“

Sie schaute mich wieder mit diesen leicht großen Augen an, sagte erst einmal gar nichts und antwortete dann vorsichtig:

„Ja … hm … na ja … dafür müsste man wohl erst persönlicher Schüler des Meisters sein.“

Das leuchtete mir natürlich ein.

Also fragte ich weiter:

„Und wann kommt der Meister wieder? Und wie wird man denn Schüler?“

Daraufhin erklärte sie mir, dass mein Guru – oder besser gesagt: der Guru, den ich damals gerade begann als meinen Guru zu betrachten und der es letztlich bis heute geblieben ist – im selben Jahr wieder nach Hamburg kommen würde. Wie schon zuvor sollte es einen großen Satsang geben.

Ein Satsang ist in der indischen Tradition eine spirituelle Zusammenkunft. Das Wort setzt sich aus „Sat“ – Wahrheit – und „Sang“ beziehungsweise „Sanga“ – Gemeinschaft oder Zusammensein – zusammen. Gemeint ist also ein Zusammensein in Wahrheit oder in der Gegenwart spiritueller Erkenntnis. In der Praxis bedeutet das meist Vorträge, Meditationen, gemeinsames Singen oder einfach die stille Anwesenheit eines spirituellen Lehrers.

Und im Rahmen dieses Besuchs sollte es offenbar auch für einige wenige Schüler die Möglichkeit geben, eine Mantra-Einweihung zu erhalten.

Also meldete ich mich an.

Der eigentliche Satsang verlief ähnlich wie die Veranstaltungen, die ich bereits kannte. Viele Menschen, Vorträge, Meditation, Gesänge und die besondere Atmosphäre, die immer entstand, wenn der Meister anwesend war.

Später wurden dann einige von uns – ich glaube, wir waren nur drei oder vier Personen – in einen separaten Raum geführt.

Dort saß der Guru persönlich.

Wir meditierten gemeinsam. Es war still. Sehr still.

Dann ging er langsam von Person zu Person, berührte einzeln unsere Köpfe und segnete uns.

Am Ende erhielt jeder von uns sein persönliches Mantra sowie eine gesegnete Mala.

Eine Mala ist eine traditionelle Gebetskette oder Meditationskette, meist bestehend aus 108 Perlen. Sie wird im Hinduismus und Buddhismus verwendet, um Mantras während der Meditation zu zählen. Mit jeder Perle wird das Mantra einmal wiederholt, wodurch der Geist rhythmisch geführt wird und leichter in einen meditativen Zustand gelangen kann. Gleichzeitig gilt die Mala selbst oft als spiritueller Gegenstand, der durch die Praxis und die Einweihung eine besondere Bedeutung erhält.

Auch die Mantra-Einweihung selbst gilt in vielen Yogatraditionen als etwas sehr Persönliches. Dabei geht es weniger darum, einfach nur ein Wort zu erhalten, sondern vielmehr darum, eine spirituelle Praxis und Verbindung übertragen zu bekommen. Das Mantra wird dabei nicht bloß als Klang verstanden, sondern als etwas, das über lange Zeit innerlich wirkt und sich entfaltet.

Damals allerdings hatte ich ganz andere Erwartungen.

Ich dachte wahrscheinlich unbewusst, dass jetzt irgendetwas Großes passieren müsste.

Ein Licht.

Eine Vision.

Ein Kribbeln entlang der Wirbelsäule.

Vielleicht eine aufsteigende Kundalini oder irgendein überwältigendes spirituelles Erlebnis.

Aber nichts davon geschah.

Ich bekam mein Mantra.

Ich bekam meine Mala.

Und das war’s.

Etwas enttäuscht ging ich nach Hause.

Ich dachte nicht weiter darüber nach, legte die Mala sorgfältig in eine Schublade und wartete irgendwie darauf, dass nun als „Eingeweihter“ irgendetwas Besonderes passieren würde.

Aber es passierte: nichts.

Zumindest glaubte ich das damals.

Doch wie das Leben eben so spielt, geht es irgendwann auch wieder bergab. Jeder Mensch kennt diese Phasen, diese inneren Talsohlen, in denen plötzlich alles schwerer wird und man beginnt, nach Halt zu suchen.

Und genau in so einer Phase erinnerte ich mich plötzlich wieder an diese Mala.

An das Mantra.

Ich öffnete die Schublade, holte die Mala heraus und begann zum ersten Mal wirklich mit meinem Mantra zu arbeiten.

Ein Mantra ist wie ein neues Fahrrad. Wenn es schön glänzt und irgendwo an der Wand steht, kann man es anschauen, sich daran freuen, vielleicht sogar ein bisschen davon träumen, wohin es einen bringen könnte. Aber erst wenn man sich wirklich daraufsetzt und in die Pedale tritt, bewegt es sich.

Und genauso war es mit dem Mantra.

Ich begann wieder regelmäßig zu meditieren und das Mantra zu benutzen. Und die Geschwindigkeit, mit der sich dadurch etwas in Bewegung setzte, war für mich fast unvorstellbar.

In dem Moment, in dem ich es wirklich praktizierte, begann sich mein ganzes bisheriges Leben zu verschieben. Dinge, die ich für stabil gehalten hatte, begannen sich aufzulösen. Der Job, in dem ich war, löste sich auf. Die Beziehung, in der ich lebte, ging zu Ende. Alles, woran ich innerlich festgehalten hatte, verlor plötzlich an Bedeutung.

Alte Freundschaften verschwanden aus meinem Leben, neue Menschen tauchten auf. Und ich begann tatsächlich, diesen Yogaweg konsequenter zu gehen – auch mit einer sattvischen Lebensweise, also ohne Fleisch, ohne Eier, ohne Alkohol und mit deutlich mehr Zeit in spiritueller Gemeinschaft.

Aber diese Veränderung geschah so schnell und so tiefgreifend, dass sie mir stellenweise fast Angst machte, ehrlich gesagt.

Und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich seitdem nie wieder wirklich getraut habe, nach Kriya zu fragen. Die Geschwindigkeit, die dieses Mantra in mein Leben gebracht hat, war bereits schnell genug.

Und mit der Zeit wurde mir etwas klarer, auch wenn ich es damals noch nicht wirklich in Worte fassen konnte: Ich wollte eigentlich keine Abkürzungen mehr.

Ich wollte keine „Clears“ oder schnellen spirituellen Sprünge, keine weiteren besonderen Techniken, die mir irgendeinen Zustand versprachen, der außerhalb meines eigenen Weges lag.

Da war eher ein stilles, aber sehr klares Gefühl: dass ich meinen Weg selbst gehen wollte. Mit meinen eigenen Erfahrungen, meinen eigenen Umwegen, meinen Irrtümern und Erkenntnissen.

Nicht unbedingt schnell. Nicht unbedingt geradlinig. Aber echt.

Und dieses Vertrauen wuchs mit der Zeit: dass genau dieser manchmal stolperige, manchmal steinige Weg vielleicht genau der richtige ist.

Weil es am Ende nicht darum ging, irgendwo anzukommen, sondern darum, ihn wirklich selbst zu gehen.

Ja, genau, das war so eine stille Gewissheit, die ich tatsächlich irgendwo unterbewusst schon als junger Mann hatte.

Auch wenn ich gleichzeitig fasziniert war von der Yoga-Gemeinschaft, von den Kräften des Gurus und all diesen Erfahrungen, die dort möglich schienen, gab es dennoch etwas in mir, das immer wieder leise dagegen hielt.

Etwas, das nicht laut war, nicht argumentierte und sich auch nicht beweisen wollte.

Eher so ein innerer Faden, der einfach da war.

Und der sagte: Ich muss meinen eigenen Weg gehen.

Nicht im Gegensatz zu all dem, was ich dort erlebt habe, sondern eher als eine Art Grundrichtung, die darunter lag.

Vielleicht war genau das die eigentliche Konstante auf all diesen Reisen: dass ich mich berühren ließ, mich öffnen konnte, mich auch mitnehmen ließ – aber am Ende doch immer wieder zu diesem eigenen Weg zurückfand.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen