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· Carsten Schneider

Anekdoten VII. INDIEN

Ich wollte eigentlich nie nach Indien.

Ich fühlte mich damals sehr wohl in Thailand, in dieser weicheren, geordnet wirkenden Welt.

Wenn du einen Inder und eine Schlange triffst, erschieß zuerst den Inder, hatte ich von den Thais gehört.

Über Inder hieß es dann, sie seien geschäftstüchtig, manchmal zu geschäftstüchtig, immer im Vorteil suchend, immer einen Schritt schneller im Überreden. Ob das stimmte oder nicht, spielte damals kaum eine Rolle – es war Teil dieses informellen Reisewissens, das man sich unterwegs aneignet, ohne es je wirklich zu überprüfen.

Zwei Freunde von mir kamen später von einer Indienreise zurück. Drei Monate waren sie mit einem alten Enfield-Motorrad durch das Land gefahren. Sie hatten Dias dabei, und als ich die Bilder sah, war etwas in mir, das sich nicht ganz erklären ließ. Es war keine klare Entscheidung, eher ein leiser Sog. Und plötzlich wusste ich: Ich werde da auch hin müssen.

Also kaufte ich mir wieder ein Winterticket. Drei Monate Indien. So war das damals. Einfach los.

Ich kam mitten in der Nacht in Delhi an.

Die Fahrt durch die Stadt war mein erster Kontakt mit einer Realität, die sich jeder gewohnten Ordnung entzog. Eine Millionenstadt im Dunkeln, oder vielleicht besser gesagt: im Halbdunkel. Kaum Straßenbeleuchtung, immer wieder Unterbrechungen, Feuer am Straßenrand, kleine Flammen, um die sich Menschen versammelt hatten. Manche wärmten sich, andere lagen einfach dort, zugedeckt mit Pappkartons oder ganz ungeschützt, als wäre der Boden selbst ein akzeptabler Aufenthaltsort.

Und schon in diesen ersten Stunden hatte ich das Gefühl, nicht einfach in ein fremdes Land geraten zu sein, sondern in eine andere Schicht der Wirklichkeit. Alles, was mir bisher als selbstverständlich gegolten hatte – Ordnung, Abstand, Übersicht – begann sich aufzulösen, ohne dass ich sagen konnte, wodurch genau.

Am nächsten Morgen zeigte sich die Stadt in ihrer ganzen Wucht. Die kleine Straße vor meinem Guesthouse war so voll, wie ich es sonst nur vom Oktoberfest kannte – nur dass hier kein Fest stattfand, sondern Alltag. Menschen, Tiere, Fahrzeuge, Fahrräder, kleine motorisierte Dreiräder, alles gleichzeitig, alles ineinander verschoben. Kühe bewegten sich selbstverständlich durch das Gedränge, als gehörten sie nicht in diese Welt, sondern in eine darüberliegende Ordnung, die ich nicht verstand.

Es war nicht nur Lautstärke. Es war ein Zustand, in dem alles gleichzeitig geschah, ohne Priorität, ohne Hierarchie. Hupen, Rufen, Verhandeln, Fluchen – eine Geräuschkulisse, die nicht endete, weil sie nie begonnen hatte, sondern immer schon da gewesen zu sein schien.

Die Luft war schwer, fast greifbar, durchzogen von Abgasen, Staub und dem unaufhörlichen Arbeiten unzähliger Motoren. Jeder Laden hatte seinen eigenen Generator, kleine Dieselmaschinen, die zusätzlich Rauch und Lärm in die ohnehin dichte Welt pumpten, weil der Strom unzuverlässig war. Alles schien improvisiert und gleichzeitig vollkommen selbstverständlich.

Und dann die Menschenmenge.

Man trat auf die Straße und war sofort Teil eines Stroms, der einen nicht mehr losließ. Bettler, Händler, Fahrer, Passanten – alles bewegte sich gleichzeitig auf einen zu. Gab man einem etwas, kamen die nächsten. Es gab keine Pause, keinen Abstand, keinen neutralen Raum. Die Welt war immer unmittelbar.

Ich merkte schnell, dass selbst einfache Dinge kompliziert wurden. Essen, Trinken, Gehen – alles war mit einer Unsicherheit verbunden, die ich nicht kannte. Und während ich noch versuchte, mich innerlich zu ordnen, hatte ich das Gefühl, dass genau diese Ordnung hier nicht vorgesehen war.

Als würde dieses Land nicht erklären, sondern spiegeln.

Nicht im Sinne einer freundlichen Erkenntnis, sondern eher so, dass es alles, was ich für stabil hielt, in Bewegung brachte. Als wäre ich selbst Teil des Chaos, das ich zu beobachten glaubte.

Nach wenigen Stunden schon war da dieser Wunsch: wieder weg.

So viele Menschen auf einem Haufen, so viel Leben, so viel Krankheit, so viel Tod – ich hatte nichts Vergleichbares je gesehen. Und dazu diese Hitze, diese schwere, stehende Luft, die alles noch intensiver machte, als würde die Welt selbst keinen Abstand mehr zulassen.

Und doch lag genau darin etwas, das ich damals noch nicht benennen konnte: dass nicht nur die Welt überwältigend war, sondern auch meine Art, sie zu ordnen, zu verstehen, zu kontrollieren, an ihre Grenze gekommen war.

Ich wurde dann aufgrund der Eindrücke und des direkten Essens natürlich auch sofort krank. Durchfall, leichtes Fieber, dieser Zustand, in dem der Körper plötzlich schneller reagiert als der Kopf. Eigentlich wollte ich mich nur noch in meinem Hotelzimmer zurückziehen, mich verschanzen, alles aussitzen und warten, bis die Welt wieder berechenbarer wird.

Aber zwei Mitreisende, die ich unterwegs getroffen hatte, meinten, man könne in dieser Stadt nicht bleiben. Man müsse raus. Unbedingt. Und in diesem fiebrigen Zustand, in dem die Wirklichkeit ohnehin schon leicht verschoben war, ließ ich mich mitnehmen.

So fuhren wir mit dem Nachtbus hinaus aus Delhi, Richtung Jaipur. Mit 39 Grad Fieber, schwankend zwischen Schlaf und Wachsein, vorbei an dunkler Landschaft und unruhigen Gedanken, die sich nicht mehr sauber voneinander trennen ließen.

In Jaipur angekommen, stand ich irgendwann wieder auf der Straße.

Im Reiseführer hatte gestanden, man solle auf keinen Fall einfach ein Taxi nehmen. Zu gefährlich. Die Fahrer würden einen nicht dorthin bringen, wo man hinwollte, oder übervorteilen, vielleicht sogar ausrauben. Solche Warnungen standen dort mit einer Selbstverständlichkeit, als wären sie Teil der geografischen Beschreibung.

Aber ich konnte in diesem Moment nicht mehr abwägen. Ich wollte nur noch ins Hotel.

Ich schnappte mir den erstbesten Taxifahrer und stieg ein.

Ich erinnere mich noch, wie ich ihn anschaute, irgendwo zwischen Fieber, Angst und Erschöpfung, und sagte: „If you don’t bring me to the hotel, I kill you, my friend.“

Er sah mich kurz an. Groß, verständnislos vielleicht, vielleicht auch amüsiert. Dann fuhr er los.

Und er brachte mich tatsächlich ins Hotel. Zum korrekten Preis. Alles war in Ordnung.

In diesem Moment verstand ich etwas, das sich nicht gut anfühlt, wenn man es zum ersten Mal begreift.

Dass dieses Land nach Regeln funktionierte, die nicht ausgesprochen wurden. Dass Vertrauen hier nicht naiv sein durfte, sondern dosiert. Dass Freundlichkeit ohne Grenze zur Einladung wurde, ausgenutzt zu werden. Und dass man, wenn man hier bestehen wollte, eine Art innere Rüstung brauchte, die mit dem eigenen moralischen Empfinden nicht immer im Einklang stand.

Es war kein schönes Gefühl.

Denn auf der einen Seite sah ich alles, was ich sah, mit Mitgefühl. Die Armut, die Härte, das Überleben im Dauerzustand. Und ein Teil von mir wollte helfen, reagieren, richtig handeln.

Aber ich lernte schnell: Wenn man zu weich wurde, war man verloren.

Also begann ich, mich anders zu bewegen. Nicht aggressiv, aber auch nicht offen. Nicht hart, aber auch nicht zugänglich. Eine Art Durchlässigkeit mit Widerstand. Eine Haltung, die ich damals noch nicht benennen konnte, die aber bedeutete: nicht alles wahrnehmen, nicht auf alles reagieren, einfach durchgehen.

Wie die Inder selbst es manchmal taten – als gäbe es eine Ebene, auf der man nicht jedes einzelne Leben berühren konnte, ohne selbst darin unterzugehen.

Und so war ich in diesem Land, das gleichzeitig alles verlangte und alles überforderte, gezwungen, eine neue Art von Abstand zu lernen. Nicht als Theorie. Sondern im direkten, körperlichen Überleben.

In Jaipur kamen wir schließlich in einem Ort an, der sich anfühlte, als hätte jemand die Lautstärke Indiens für einen Moment heruntergedreht.

Das Digipalast-Hotel lag am Rand eines Nationalparks. Schon am Morgen lag etwas Weiches in der Luft. Papageien schwärmten in großen, grünen Wolken über den Himmel, als hätte die Natur selbst hier eine leichtere, fast spielerische Sprache angenommen. Die Kellner bewegten sich in ordentlichen Uniformen durch die Gänge, alles war sauber, ruhig, fast übertrieben gepflegt. Es hatte etwas Koloniales, etwas aus einer anderen Zeit, in der Ordnung noch eine ästhetische Idee war.

Auf der Dachterrasse, bei Tee und einem fast vergessenen Gefühl von Komfort, begann sich die Spannung der letzten Tage langsam zu lösen. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft konnte ich wieder durchatmen, ohne sofort auf etwas reagieren zu müssen.

Von dort aus begann ich, Jaipur wirklich zu sehen.

Die Stadt war anders als Delhi, aber nicht weniger intensiv. Der Palast der Winde stand da wie eine durchbrochene Erinnerung aus Stein, filigran und doch monumental, als würde er nicht gebaut, sondern geatmet worden sein. In den frühen Stunden des Tages fiel das Licht schräg durch seine unzähligen Fensteröffnungen, und für einen Moment wirkte es, als würde die Architektur selbst beobachten, was unten auf der Straße geschah.

Nicht weit davon der Stadtpalast, eine Mischung aus Symmetrie und Überlagerung, in dem sich die Geschichte der Maharadschas wie Schichten eines alten Traums stapelte. Und die Straßen dazwischen: Farben, Stoffe, Stimmen, Händler, kleine Werkstätten, in denen Metall klang und Stoffe gefärbt wurden, als wäre Handwerk hier noch eine Form von Zeit.

In Jaipur gab es auch diese Cafés, in denen sich Reisende sammelten.

Orte zwischen den Welten. Dort trafen sich Menschen, die irgendwo auf dem Weg hängengeblieben waren, und erzählten sich ihre Versionen von Indien. In vielen dieser Cafés gab es kleine Bibliotheken, einfache Regale, in denen Bücher standen, die zurückgelassen und weitergegeben wurden. Man nahm eines, ließ eines da, als würde auch Wissen hier reisen, nicht Menschen.

Eines Tages fiel mir dort ein Buch in die Hände: „Autobiographie eines Yogi“ von Paramahansa Yogananda.

Paramahansa Yogananda war ein indischer Yogi, der später in den Westen ging und dort begann, das, was er als die innere Wissenschaft des Bewusstseins verstand, zu beschreiben. Er schrieb über Meditation, über Konzentration, über eine direkte Erfahrung des Göttlichen jenseits von Religion im dogmatischen Sinn. Und vor allem schrieb er über Dinge, die sich für einen westlich geprägten Verstand zunächst anhörten wie Geschichten aus einer anderen Logik: Menschen, die durch Willenskraft scheinbar unmögliche Dinge vollbringen, Begegnungen mit Meistern, Zustände tiefer Versenkung, in denen Zeit und Körper ihre feste Form verlieren.

Am Anfang las sich das wie eine Art spirituelles Märchen. Wie etwas zwischen Mythologie und Traum. Aber je weiter ich las, desto weniger ging es um Glauben oder Unglauben. Es war eher, als würde sich ein innerer Raum öffnen, in dem die Frage, ob etwas „wirklich“ ist, plötzlich an Bedeutung verlor.

Dieses Buch wurde auf dieser Reise zu etwas wie einem stillen Begleiter. Nicht im Sinne eines Lehrers, der Antworten gibt, sondern eher wie eine Stimme, die eine andere Möglichkeit von Wirklichkeit überhaupt erst denkbar macht. Und in dieser Phase begann ich wieder zu meditieren. Wieder zu beten, ohne genau zu wissen, an wen oder was ich mich eigentlich richtete.

Und irgendwann, später, in der heiligen Stadt Pushkar, saß ich auf einer Dachterrasse über den Gassen, müde geworden von all dem inneren Kampf, und kam an einen Punkt, an dem ich nicht mehr weiter wollte in dieser ständigen Anspannung zwischen Kontrolle und Ausgeliefertsein.

Ich erinnere mich an diesen Moment als eine Art inneres Aufgeben. Kein dramatisches Ereignis, eher ein stilles Nachgeben.

Ich sagte innerlich etwas wie: Wenn es hier endet, dann endet es hier. Wenn dieses Land mich überfordert, dann ist es so. Ich hörte auf, innerlich zu verhandeln.

Und in dieser Bewegung des Loslassens – schwer zu beschreiben, weil sie nicht spektakulär war – veränderte sich etwas Grundsätzliches.

Indien hörte auf, nur bedrohlich zu sein.

Die Welt blieb dieselbe, aber die Art, wie ich sie erlebte, verschob sich. Menschen hielten mich plötzlich nicht mehr fest, oder zumindest fühlte es sich so an. Ich konnte durch Straßen gehen, ohne ständig im Widerstand zu sein. Ich wurde eingeladen zu Tee, zum Essen, zu kurzen Gesprächen, die plötzlich nicht mehr nur Handel oder Übervorteilung waren.

Selbst mein Körper reagierte anders. Die ständige Angst vor Krankheit ließ nach, und irgendwann blieb auch der Durchfall aus, als hätte sich etwas im Verhältnis zwischen mir und dieser Umgebung neu sortiert.

Und ähnlich wie in dem Buch von Yogananda begann sich die Realität nicht mehr nur als etwas zu zeigen, das ich bewältigen musste, sondern als etwas, das sich in merkwürdiger Weise antwortend verhielt.

Nicht im Sinne von Beweisen.

Eher im Sinne von Koinzidenzen, Begegnungen, kleinen Verschiebungen, die sich nicht mehr rein zufällig anfühlten, Wunder!

Und ich würde heute sagen: Wenn ich das alles erzählen würde, in seiner ganzen Dichte, würde jeder vernünftige Leser irgendwann denken, ich übertreibe oder hätte den Verstand verloren.

Aber damals war es einfach mein Leben.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen