Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott
Dass ich in unserem gemeinsamen Wohnzimmer einen kleinen Altar aufgebaut hatte, fand meine damalige Lebensgefährtin, gelinde gesagt, befremdlich.
Da stand ein kleiner Buddha, daneben Kerzen, Reisschälchen, kleine Wasserschalen und natürlich ein Bild meines Gurus. Für mich war das etwas Friedliches. Ein Ort der Sammlung. Ein kleiner Anker mitten im Alltag.
Für sie war das eher… nun ja… gewöhnungsbedürftig.
Sie war ein sehr intelligenter, analytischer Mensch. Rational, klar denkend, kritisch. Sie hatte keinen besonderen Zugang zu Spiritualität, Gurus oder Räucherstäbchenromantik. Wahrscheinlich hielt sie das alles insgeheim für eine Mischung aus Folklore und leichter Realitätsflucht.
Das sollte sich allerdings schneller ändern, als wir beide ahnten.
Wir waren damals gemeinsam in Goa unterwegs und verbrachten dort eine wunderschöne Zeit. Goa ist gewissermaßen Indien für Anfänger. Oder vielleicht besser gesagt: Indien mit angezogener Handbremse.
Schöne Strände.
Gute Restaurants.
Internationale Traveller.
Sonnenuntergänge am Meer.
Weniger Armut.
Weniger Chaos.
Weniger Gestank.
Kurz gesagt: Indien von seiner soften Seite.
Man konnte dort wunderbar so tun, als sei man spirituell, während man gleichzeitig Bananenpfannkuchen aß und abends Cocktails trank.
Ich musste allerdings nach einigen Wochen wieder zurück nach Deutschland, um Geld zu verdienen. Sie hingegen hatte gerade ihren alten Job aufgegeben und noch Zeit.
Eigentlich überlegte sie danach weiterzureisen. Vielleicht Südamerika. Vielleicht Afrika. Vielleicht irgendetwas ganz anderes.
Aber ich riet ihr damals, einfach in Indien zu bleiben.
Denn Indien hatte gerade erst begonnen, sich ihr zu öffnen.
Und sie nahm diesen Rat tatsächlich an.
Sie wollte sich Rajasthan anschauen. Die Wüste. Die alten Städte. Nordindien.
Und damit begann ihr eigenes kleines Abenteuer.
Wir hatten damals natürlich noch kein WhatsApp oder dauerndes Handy-Internet. Wir kommunizierten per E-Mail. Oft nur einmal am Tag oder manchmal auch mehrere Tage gar nicht.
Und ziemlich schnell merkte ich aus ihren Nachrichten heraus, dass Nordindien sie an ihre Grenzen brachte.
Denn Nordindien ist für viele westliche Reisende ohnehin schon eine Herausforderung. Lauter, chaotischer, ärmer, dreckiger, intensiver. Und als alleinreisende Frau ist es noch einmal etwas ganz anderes.
Damals jedenfalls.
Die Blicke der Männer.
Die ständigen Fragen.
Die Neugier.
Das Gefühl, nie ganz unbeobachtet zu sein.
Viele indische Männer hatten damals kaum Kontakt zu westlichen Frauen und projizierten entsprechend vieles hinein: Freiheit, Erotik, Abenteuer oder schlicht eine völlig andere Welt.
Dazu kamen die langen Busfahrten, das Gedränge, die Lautstärke, die ständigen Versuche, etwas zu verkaufen oder Aufmerksamkeit zu bekommen.
Und irgendwann war ihre Kraft einfach aufgebraucht.
Sie wollte nur noch nach Hause.
Da fiel mir plötzlich unser Yoga-Ashram in Rajasthan ein.
Mitten in der Wüste bei Jadan.
Ich sagte ihr:
„Fahr doch erstmal dort hin. Ruh dich aus. Da bekommst du gutes Essen, keiner belästigt dich, du kannst Yoga machen oder einfach schlafen.“
Und genau das tat sie dann auch.
Sie fuhr mit dem Bus durch die Wüste zu diesem Ashram und alles war tatsächlich genauso, wie ich es beschrieben hatte.
Ruhe.
Einfachheit.
Regelmäßiges Essen.
Meditation.
Keine Hektik.
Man konnte dort einfach mal durchatmen.
Nachdem sie sich einige Tage erholt hatte, wollte sie eigentlich wieder abreisen.
Doch dann sagten die Leute dort:
„Was? Du kannst doch jetzt nicht fahren. Morgen kommt der große Guru.“
Also blieb sie noch einen Tag länger.
Und wahrscheinlich war genau das der Moment, der unser ganzes Leben veränderte.
Denn ich kann es nicht anders sagen:
Sie verliebte sich augenblicklich.
Nicht romantisch. Nicht menschlich.
Spirituell.
Es war, als hätte sie in diesem Moment etwas gefunden, wonach sie unbewusst ihr ganzes Leben gesucht hatte.
Dieser Guru war damals bereits weltbekannt. Zehntausende Schüler auf der ganzen Welt. Europa. Amerika. Australien. Indien.
Und trotzdem geschah etwas völlig Verrücktes:
Sie gehörte plötzlich unmittelbar zu seinem engsten Kreis.
Zu den wenigen Menschen, die ständig in seiner Nähe sein durften, zum inner Circle.
Sie bekam sofort einen spirituellen Namen, ein persönliches Mantra und blieb einfach dort.
Ich verstand zunächst überhaupt nicht, was da eigentlich passierte.
Zuerst dachte ich noch:
Na gut, sie kommt in ein paar Tagen zurück.
Aber aus Tagen wurden Wochen.
Dann Monate.
Sie blieb erst noch lange in Rajasthan beim Guru, bestimmt zwei Monate oder mehr. Danach begleitete sie ihn sogar auf seiner Australien-Tournee und blieb auch dort noch einmal viele Wochen. Und anschließend ging es wieder zurück nach Indien.
Irgendwann dachte ich wirklich:
Okay. Das war’s.
Die kommt nicht mehr zurück.
Jetzt ist sie endgültig Swami geworden.
Monate vergingen.
Und dann stand sie eines Tages tatsächlich wieder vor unserer Tür.
Sehr dünn geworden. Fast abgemagert.
Aber gleichzeitig mit leuchtenden Augen.
Mit einer Ruhe.
Mit einer Ausstrahlung.
Mit einer Aura, die ich kaum beschreiben kann.
Sie wirkte wie ein völlig anderer Mensch.
Und von diesem Moment an war auch unser gemeinsames Leben ein anderes geworden.
Wir gingen den Weg nun nicht mehr alleine, sondern gemeinsam. Es war nun eine spirituelle Verbindung, aus der später unser Kind entstand.
Nach all ihren Erlebnissen mit dem Guru erzählte sie mir oft voller Hingabe davon. Von dieser intensiven Nähe, von der Liebe, die sie dort erfahren hatte, davon, wie sie aufgenommen worden war, wie sich alle ihre Fragen plötzlich aufgelöst hätten.
Und während ich ihr zuhörte, merkte ich etwas Unangenehmes in mir: eine Mischung aus Faszination und Neid.
Ich selbst befand mich gerade wieder in einer Phase, die man eher als Talsohle bezeichnen würde. Und das gehört ja nun mal dazu. Das Leben geht auf und ab, ohne Rücksicht auf spirituelle Ambitionen.
Und genau in solchen Phasen wirkt der Gedanke an einen Guru plötzlich sehr verlockend. Jemand, der das Herz öffnet. Jemand, der Orientierung gibt. Jemand, der einem sagt, wo es langgeht, wenn man selbst gerade keine Richtung mehr spürt.
Ich wusste, dass der Guru wieder in Europa war, diesmal im sogenannten Mutterzentrum in Wien, dem damaligen Zentrum unserer Yogabewegung in Europa.
Und ich bat darum, ob sie für mich vorsprechen könnte. Nicht nur, um am Satsang teilzunehmen, sondern vielleicht auch, um ein persönliches Gespräch mit ihm zu bekommen.
Durch ihre Nähe zum inneren Kreis war das tatsächlich möglich.
Also fuhren wir nach Wien.
Das Mutterzentrum war ein großer Ashram, viele Menschen waren dort versammelt, ein intensiver Satsang fand statt, Bhajans wurden gesungen, eine sehr verdichtete spirituelle Atmosphäre.
Und tatsächlich bekam ich die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch.
Ich wurde zu ihm nach oben gebracht.
Im Raum saßen noch ein paar andere Leute, es war also keine vollkommen private Situation, aber dennoch ein direkter Kontakt.
Ich setzte mich hin und begann zu erzählen. Von meiner Situation, von meinen inneren Fragen, von meinen Blockaden, von diesem Gefühl, nicht wirklich weiterzukommen. Alles, was einen suchenden jungen Mann eben beschäftigt.
Ich erwartete Rat. Orientierung. Vielleicht eine Art Einsicht, die alles verändert.
Er hörte ruhig zu.
Dann sagte er nur:
„Da kann ich dir auch nicht helfen. Lass dir gefälligst etwas Schönes einfallen. Und wenn dir gar nichts einfällt, dann unterrichte halt Yoga.“
Das war die ganze „Audienz“.
Keine Erleuchtung.
Keine große Herzöffnung.
Kein Licht.
Keine Vision.
Keine transzendente Antwort.
Ich war enttäuscht.
Als ich die Treppe hinunterging, war ich richtig wütend. Ich stampfte regelrecht wie ein trotziges Kind. Innerlich fluchte ich: Warum fahre ich überhaupt hierher, das ist doch alles Quatsch, der hat doch keine Ahnung.
Doch irgendetwas arbeitete in mir weiter.
Später, als ich wieder unten im großen Satsang-Raum saß und die Bhajans gesungen wurden und der Guru vorne saß und gelegentlich in die Menge blickte, traf sich unser Blick einmal kurz.
Und in genau diesem Moment liefen mir plötzlich die Tränen.
Ohne dass ich genau sagen könnte warum.
Etwas hatte sich gelöst.
Etwas, das ich vorher nicht einmal richtig greifen konnte.
Als ich später in Hamburg davon erzählte, dass er gesagt hatte, ich solle Yoga unterrichten, wenn mir nichts einfällt, wurde mir erklärt, dass genau das im Grunde eine Art Auszeichnung gewesen sei.
Ein Guru sagte so etwas nicht beiläufig.
Das war eher wie ein stilles Einverständnis, dass ein Schüler bereit ist, weiterzugeben.
Damals war der Weg zum Yoga-Lehrer noch etwas völlig anderes als heute.
Heute gibt es standardisierte Ausbildungen, feste Module, Prüfungen, Stundenkontingente, Anatomieeinheiten, Methodik, Didaktik, Zertifizierungen – oft organisiert von Verbänden und Schulen, die Yoga zunehmend auch als Berufsausbildung strukturieren. Das hat den Vorteil, dass Menschen solide Grundlagen lernen, gerade im Bereich Anatomie, Sicherheit und Unterrichtsmethodik. Gleichzeitig ist es aber auch stärker formalisiert und institutionell geworden.
Damals hingegen war Yoga noch viel unmittelbarer an eine persönliche Beziehung gebunden. An den Guru. An den direkten Kontakt. Und an eine innere Reife, die weniger durch Zertifikate als durch Vertrauen und Wahrnehmung bestätigt wurde.
Wenn der Guru sagte: „Du unterrichtest Yoga“, dann war das keine Empfehlung. Es war eine Art stiller Übergang.
Und so begann ich von da an tatsächlich Yoga zu unterrichten.
Zunächst mittwochs abends, irgendwann gegen 18 Uhr.
Und plötzlich war ich Yoga-Lehrer.
Ohne große Zeremonie.
Ohne Titel.
Aber mit wachsender Erfahrung.
Und ich wuchs einfach mit der Aufgabe hinein.
Bis heute bin ich Hatha-Yoga-Lehrer geblieben.
Noch immer gibt es in Hamburg einen kleinen Ashram unserer Vereinigung. Ich habe dort keinen regelmäßigen Kontakt mehr, weil ich meinen eigenen Weg gegangen bin.
Vor kurzem war ich jedoch wieder einmal dort und habe erlebt, wie die Schüler dort leben: wie tief verbunden sie mit diesem Guru sind, wie selbstverständlich sie nichts in Frage stellen, wie sie ihr ganzes Leben nach seinen Vorgaben ausrichten. Das Wort des Gurus ist für sie Gesetz, und sie kämen gar nicht auf die Idee, etwas anderes zu tun.
Und das ist auf eine gewisse Weise schön anzusehen.
Dieses Vertrauen. Diese Hingabe. Diese Klarheit.
Gleichzeitig habe ich in diesem Moment aber auch sehr deutlich gespürt, dass das nicht mein Weg ist.
Und dafür war ich diesem Guru im Nachhinein sogar dankbar.
Denn er hat mir damals sinngemäß gesagt: „Lass dir etwas Schönes einfallen.“
Und genau darin lag vielleicht seine eigentliche Gabe für mich: mir den Raum zu lassen, mich selbst zu entfalten, statt mich in eine feste Form zu bringen.
Das war, wenn ich ehrlich bin, immer mein Weg.
Auch wenn ich am Anfang oft gezweifelt habe. Auch wenn ich manches nicht verstanden habe und auch manches abgelehnt habe, muss ich im Rückblick sagen: Es war genau der richtige Guru für mich.
Ich bin meinen eigenen Weg gegangen. Habe mich immer wieder neu erfunden. Bin gefallen, wieder aufgestanden, weitergegangen.
Und so bin ich zu dem geworden, was ich heute bin.
Ein Lehrer für andere.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
