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· Carsten Schneider

Anekdoten XVI. Mich trifft der Schlag

Mich trifft der Schlag

Was als spirituelle Beziehung begann, hatte irgendwann ganz weltliche Probleme im Alltag.

Und plötzlich war da nicht mehr nur der Raum der spirituellen Begegnung, sondern auch der Raum des ganz gewöhnlichen Zusammenlebens.

Ich hatte mich auf diesen Teil ehrlich gesagt nie wirklich vorbereitet.

Der spirituelle Weg hatte mir vieles gegeben — Erkenntnis, Praxis, innere Ausrichtung — aber er hatte mich nicht darauf vorbereitet, wie sich ein gemeinsames Leben im Detail anfühlt. Wie schnell aus innerer Nähe äußere Reibung wird. Und wie wenig Erleuchtung manchmal mit einem vollen Wäschekorb zu tun hat.

Wir waren beide nicht perfekt darauf vorbereitet.

Und trotzdem gab es etwas, das alles getragen hat: unser gemeinsames Kind.

Das war das Schönste, was aus dieser Verbindung entstehen konnte. Etwas, das uns auf eine völlig neue Weise verbunden hat. Tiefer als jede Diskussion, tiefer als jeder Konflikt. Dieses Kind war gelebte Einheit im Alltag, konkret gewordenes Leben.

Für mich war das eine der stärksten Erfahrungen überhaupt.

Vater zu werden hat alles verändert. Noch einmal mehr als jede Reise, jede spirituelle Praxis, jede Erkenntnis zuvor.

Und für eine Weile war genau das unser Zentrum: Familie, Kind, gemeinsames Leben, kleine und große Momente, Alltag und Glück nebeneinander.

Aber wie es oft ist, wenn das Leben weitergeht, verändert sich auch die Dynamik.

Nicht plötzlich. Nicht durch einen großen Bruch. Sondern langsam.

Gespräche wurden weniger tief. Missverständnisse häufiger. Dinge blieben unausgesprochen. Jeder hatte seine eigenen Muster, seine eigenen Verletzungen, seine eigenen Reaktionen. Und wir waren damals nicht wirklich in der Lage, das klar zu sehen — geschweige denn gemeinsam daran zu arbeiten.

Es fehlte an Kommunikation. Und es fehlte an dem Bewusstsein, dass Beziehung Arbeit bedeutet, nicht nur Gefühl.

Und so begannen wir uns, ohne es wirklich zu merken, voneinander zu entfernen.

Nicht in einem dramatischen Moment. Sondern in vielen kleinen.

Und irgendwann war da etwas passiert, das man kaum benennen kann: Man lebt noch zusammen, aber man begegnet sich nicht mehr wirklich.

Und in genau dieser Phase begann ich mich selbst zu verlieren.

Ich machte zwar noch meine tägliche Yoga-Praxis, hatte Yoga-Klassen und lebte auch schon mein Leben als Heilpraktiker. Aber der Alltag hatte begonnen, uns auf gewisse Weise zu zermürben.

Und auch ich war nicht mehr wirklich bei mir.

Auch wenn ich morgens noch im Schneidersitz saß und mein Mantra machte, saß ich abends immer häufiger mit einer Flasche Rotwein vor dem Fernseher. Und ich begann Dinge zu tun, die mir nicht gut taten. Ich verlor meine innere Klarheit, meine Disziplin, meine Ausrichtung.

Ich hatte mich selbst verloren.

Und genau in dieser Phase entstand die Idee eines Retreats in Kroatien.

Ein Ort am Meer. Ein einfaches Leben für eine Zeit. Yoga unterrichten, Struktur, Gemeinschaft, gutes Essen, Natur, Abstand vom Alltag.

Eigentlich sollte genau das mich wieder zurückbringen. Mich sortieren. Mir gut tun. Mich wieder mit mir selbst verbinden.

Ich war dort als Lehrer. Mein Sohn war dabei. Und es war eine Mischung aus Arbeit und Familie, aus Verantwortung und Urlaub.

Tagsüber gab es Yoga, Gemeinschaft, Gespräche, gutes vegetarisches Essen, das Meer in der Nähe, einfache Tage, klare Struktur. Alles war eigentlich so, wie es gut sein sollte.

Und es fühlte sich auch gut an.

Bis zu diesem einen Abend.

Ich saß im Zelt.

Und draußen begann sich das Wetter zu verändern.

Zuerst nur fernes Grollen. Dann Wind. Dann diese besondere Spannung in der Luft, die man spürt, bevor ein richtiges Unwetter losbricht.

Der Himmel zog sich zusammen.

Und dann brach es los.

Blitz auf Blitz. Der Himmel flackerte wie unter Strom. Der Donner war nicht mehr nur Geräusch — er war Präsenz. Er vibrierte durch den Boden.

Der Regen wurde schwer. Der Wind riss am Zelt.

Und dann kam dieser eine Moment, in dem alles gleichzeitig passierte.

Ein Blitz schlug so nah ein, dass der ganze Himmel für einen Sekundenbruchteil weiß wurde. Es war, als würde die Welt kurz aussetzen.

Und genau in diesem Augenblick wurde mir schwindelig.

Ganz plötzlich.

Mein Körper verlor seine Stabilität. Als hätte jemand den inneren Boden kurz weggezogen.

Dann wurde meine Gesichtshälfte taub.

Zuerst subtil. Dann immer klarer. Einseitig. Unübersehbar.

Und in diesem Moment war mir sofort klar:

Da stimmt etwas nicht.

Das ist kein Stress. Keine Überforderung. Kein Kreislauf.

Das ist ernst.

Sehr ernst.

Ich hatte anatomische Kenntnisse, hatte im Krankenhaus gearbeitet und war Heilpraktiker — und ich konnte die Symptome sofort einordnen.

Ein Schlaganfall.

Ich konnte gerade noch meinen Zeltnachbarn Bescheid sagen. Er organisierte sofort ein Taxi, und ich wurde abgeholt, um zur nächsten medizinischen Versorgung gebracht zu werden.

Und in dem Moment, als ich im Taxi saß, begann eine andere Realität.

Draußen zog die Landschaft vorbei, verschwommen, während in mir etwas vollkommen still wurde.

Ich spürte sehr deutlich, dass hier gerade etwas kippt — nicht nur körperlich, sondern existenziell.

Mein Leben lag plötzlich wie auf einer Kante.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit war da keine innere Bewegung nach vorne, sondern ein Stillstand, der sich anfühlte wie ein möglicher Abschluss.

Ich dachte nicht theoretisch darüber nach.

Ich fühlte es.

Vielleicht ist es jetzt zu Ende.

Nicht als Panik, eher als tiefe, stille Traurigkeit.

Da war nichts Heroisches daran.

Nur diese nackte Klarheit, dass alles, was ich war, jetzt in wenigen Minuten vorbei sein könnte.

Und genau das machte mich plötzlich sehr traurig.

Nicht wegen meines Lebens als Konzept.

Sondern wegen allem, was ich noch nicht zu Ende gelebt hatte.

Vor allem wegen meines Kindes.

Und während das Taxi mich weiter durch die Nacht brachte, kam mir ein früheres Bild zurück — Bali.

Damals war ich noch ein junger Mann gewesen, und ich hatte dieses Leben schon einmal fast von außen betrachtet.

Ich erinnere mich an diese innere Leichtigkeit: Wenn es damals zu Ende gegangen wäre, hätte ich beinahe gelächelt.

Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil da dieses Gefühl war, dass ich vieles gesehen, vieles erlebt und vieles angenommen hatte.

Es hätte sich rund angefühlt.

Fast friedlich.

Diesmal war es völlig anders.

Keine Weite, kein inneres Lächeln, keine Gelassenheit.

Sondern Verantwortung.

Bindung.

Liebe.

Und das tiefe, klare Nicht-wollen.

Ich wollte nicht gehen.

Ich wollte bleiben.

Ich wollte noch da sein für mein Kind.

Ich wollte noch Dinge leben, korrigieren, gestalten.

Und genau das machte den Unterschied zwischen damals und jetzt so brutal spürbar.

Ich rief noch zu Hause an und sagte, dass etwas passiert war.

Dann wurde ich weitertransportiert — erst mit dem Taxi, dann mit einem Boot über das Wasser, bei aufziehendem Sturm, Blitz und Donner.

Der Himmel war dunkel, das Meer unruhig, die Situation fast surreal. Die Wellen schlugen gegen das Boot, und ich lag auf einer Trage, während die Füße teilweise über das Deck hinausragten. Ich hatte ständig das Gefühl, jeden Moment könnte ich ins Wasser rutschen.

Aber es passierte nicht.

Ich wurde an Land gebracht und ins nächste Krankenhaus gefahren.

Dort wurde der Schlaganfall bestätigt.

Ich landete zunächst in einem Achtbettzimmer — ein Raum voller Stimmen, Geräusche, Lichter, Menschen zwischen Schlaf, Schmerz und Unruhe. Ein Ort, an dem Zeit gleichzeitig stillsteht und völlig durcheinander ist.

Nach einigen Tagen wurde klar, dass ich nach Deutschland verlegt werden musste.

Und so wurde ich schließlich medizinisch zurücktransportiert — organisiert über die Krankenkasse beziehungsweise den ADAC-Rückholdienst.

Kein Glamour. Kein Privatjet im romantischen Sinn. Eher ein medizinischer Flug mit allem, was nötig war.

Aber für mich fühlte es sich trotzdem wie ein Schnitt an.

Ein Übergang.

Ein Herausfallen aus dem bisherigen Leben.

In Hamburg im Krankenhaus Eppendorf begann dann die eigentliche Nachsorge. Die akute Phase war überstanden, aber jetzt ging es darum, wieder zurück in den Körper zu kommen, in das Leben, in eine neue Realität.

Und von dort aus begann der nächste Abschnitt: die Reha.

Ein neuer Weg.

Nicht mehr derselbe Mensch wie vorher — aber auch noch nicht der, der daraus werden würde.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen