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· Carsten Schneider

Anekdoten VI. Der Cowboy Frosch

Der Cowboyfrosch

Auf Bali damals war ich circa vier Monate. Eines Tages beim Frühstück unterhielt ich mich mit einem Touristen. Er hatte ein Taxiunternehmen auf Norderney und fragte mich, und... was machst du denn so?

Und ich guckte ihn an und fragte, Wieso?

Ich war 26 Jahre alt, hatte bislang noch keine Ausbildung und kein Studium angefangen.

Als talentierter Verkäufer fürs Surfbretter hatte ich eine kleine Summe Geld gemacht und die würde bestimmt noch mindestens acht bis neun Monate reichen.

Also, wozu die Frage, was machst du so?

Ich machte nichts. Ich war einfach nur da und das war gut!

Das Nachtleben auf Bali war eher exzessiv als meditativ. Hier konnte man sich austoben. Auf der Insel waren immer noch eine ganze Menge Hippies, es waren einige Modemacher da, die da ihre Produktionen überwachten, Schmuckdesigner, Künstler, Rockstars, alles Mögliche. Das war so eine kleine Szene für sich. Es waren alles Leute, die länger blieben als einfach nur drei Wochen Urlaub und man kannte sich.

Und weil ich so lange da war, rutschte ich in deren Clique mit rein und das war eine wilde Fahrt durch die Nächte von Kuta.

Der Abend begann meist mit einem guten Essen in irgendwelchen schicken Lobster-Restaurant und dann zog man gemeinsam los, in die angesagten Clubs und Discos und feierte die ganze Nacht. Es war ein Rausch an Lebensfreude.

Als ich eines Morgens wieder meinen Platz aufsuchte, wo ich morgens meinen Reispudding zu essen pflegte, saß da zu meinem Erstaunen, bereits Mick Jagger. Glückerweise war ich cool genug zu fragen, ob das okay sei, wenn ich mich dazu setzte. Ja, sure, aber nur, wenn ich nicht reden muss, nickte er. Keine Sorge entgegnete ich, ich bin kein Fan, ich stehe eher auf Bob Dylan.

Ja, und so löffelten wir schweigend unseren Reispudding. So etwas war auf Bali damals ganz normal.

Essen gehen konnte man auf Bali ganz hervorragend. Viele internationale Köche hatten sich für eine Zeit lang dort niedergelassen und kleine Restaurants eröffnet und gaben ihre Kunst zum Besten mit frischen Zutaten der Insel.

Das war jedes Mal ein Feuerwerk für die Geschmacksknospen.

Wenn man allerdings einen etwas schmaleren Etat hatte oder nicht so viel Geld ausgeben wollte, ging man in ein klassisches balinesisches Warung.

Vorne stand diese Glasvitrine, leicht milchig geworden von der tropischen Luft, als hätte sie schon ein paar Jahrzehnte zu viel Sonne gesehen. Dahinter stapelten sich die Schalen. Alles war bereits am frühen Morgen gekocht worden – nicht frisch auf Bestellung, sondern eher in einem großen kulinarischen „Jetzt ist es halt da“-Zustand. Und genau das blieb es dann auch den ganzen Tag.

Kaum hatte man sich gesetzt, wurde der Tisch auch schon „gedeckt“. Wobei gedeckt hier ein großzügiger Begriff ist. Es wurde eher zugestellt. Teller kamen, Schalen kamen, Reis sowieso. Und bevor man überhaupt verstanden hatte, was eigentlich passiert, war man schon Teil eines Systems, in dem Zurücklehnen keine Option mehr war.

Man hatte die Wahl – theoretisch. Praktisch nahm man einfach, was vor einem stand, weil alles andere auch nicht wirklich besser erklärt wurde. Currys in Farben, die irgendwo zwischen warnendem Gelb und aggressivem Rot lagen. Dinge, die eindeutig Fisch gewesen sein könnten – oder etwas, das einmal in der Nähe von Fisch gelebt hatte. Dazu dunkle, undefinierbare Stücke Fleisch, die lieber nicht zu lange betrachtet wurden.

Und dann diese Gerüche: süßlich, scharf, fermentiert, manchmal leicht verdächtig. Alles gleichzeitig. Als hätte die Küche beschlossen, keine klaren Entscheidungen mehr zu treffen.

Gegessen wurde mit der rechten Hand. Besteck war eher ein Vorschlag als eine Realität. Reis, ein bisschen von diesem Curry, ein bisschen von jenem. Und je länger man dort saß, desto weniger stellte man Fragen. Das war vermutlich auch der Plan.

Die Atmosphäre hatte etwas subtil Bedrohliches, obwohl eigentlich niemand etwas Böses wollte. Fliegen bewegten sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit über die Schalen, als gehörten sie zum Personal. Draußen ratterten Mopeds vorbei, drinnen schwitzte alles leise vor sich hin. Und irgendwo zwischen Küche und Tisch verschwand die Grenze dessen, was noch „Essen“ und was schon „Mutprobe“ war.

Man bezahlte am Ende nicht das, was bestellt wurde – weil nichts bestellt worden war –, sondern das, was gefühlt gegessen worden sein musste. Eine Art kulinarische Schätzung auf Vertrauensbasis.

An so einem Abend hatte ich auf jeden Fall wieder in einem Warung gegessen und war danach wieder auf Piste gegangen in und hatte ordentlich getanzt und gefeiert. Auf dem Nachhauseweg, überkam mich aber sehr plötzlich ein äußerst dringendes Gefühl, mich entleeren zu müssen.

Nur war das leider nicht so einfach, weil ich auf der Hauptgeschäftsstraße unterwegs war und dort alles war dunkel. Es war vielleicht morgens um drei oder vier oder fünf, wer weiß. Auf jeden Fall war es noch dunkel. Alle Läden hatten geschlossen, alle Cafes, Restaurants, alles geschlossen, Haus an Haus und nirgendwo, wo man sich entleeren konnte. Und das Gefühl wurde immer dringender und immer drückender und ich kriegte schon Schweißausbrüche und mir ging es gar nicht gut, ich musste dringend irgendwo hin. Und dann plötzlich habe ich so zwischen den Häusern einen kleinen Gang gesehen, irgendwas Dunkles und da bin ich dann reingegangen und dann noch durch einen Torbogen oder sowas und auf einmal stand ich praktisch irgendwie im Grünen. Jedenfalls waren da keine Häuser und ich setzte mich hin und entleerte mich und das war so befreiend.

Aber als ich mich dann umguckte, war der Schreck groß, ich saß mitten in einer Tempelanlage und hatte unter einen heiligen Baum gekackt. Oh Gott!

Ich versuchte meine Spuren so gut wie möglich zu beseitigen und sah zu, dass ich so schnell wie möglich da wieder rauskam und mich auf den Heimweg machte.

Dies war wohl bereits der Beginn meiner Krankheit.

Ich weiß nicht, ob es an dem Essen gelegen hatte, was ich im Warung gegessen hatte, oder ob mich der Fluch der Götter jetzt erwischte, deren heiliges Gelände ich entweiht hatte. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall suchte mich die nächsten Tage ein hohes Fieber heim.

Das kommt auf Reisen immer mal vor und ist eigentlich nichts Bedrohliches. Man ist in den Tropen ab und zu mal krank und dann nimmt man irgendwie Aspirin und trinkt Cola und isst Bananen und dann geht das mit der Verdauung irgendwann auch wieder aufwärts.

Diesmal war es anders, das Fieber hielt leider einige Tage an und wurde immer schlimmer und Aspirin half auch nicht mehr.

Die Jungs von der Anlage machten sich auch schon Sorgen um mich und irgendjemand sagte, ich hätte bestimmt Malaria. Ich war eine Woche zuvor auf der Nachbarinsel Lombok gewesen und die sollte angeblich Malaria verseucht sein.

Um meinen Körper nicht zu belasten, nehme ich eigentlich auf Reisen nie irgendwelche Prophylaxe oder Impfungen, sondern lasse es einfach darauf ankommen, naja, und nun hatte es mich mal erwischt.

Wahrscheinlich hatten sie recht und ich hatte Malaria. Und in meinem Fieberwahn konnte nicht mehr so richtig klar denken. Auf jeden Fall schmiss ich vorsichtshalber meine Malaria-Tabletten ein, die ich natürlich dabei hatte. Und nach diesen Tabletten, da ging es mir erst richtig schlecht.

Ich musste mich erbrechen, ich hatte Durchfall, ich hatte Fieber, Schüttelfrost, Halluzinationen, also gar nicht lustig. Wodrauf die Jungs von der Anlage dann doch etwas Angst um mich kriegten und die Ärzte holten.

Die Ärzte sagten mir, es sei ein typischer Fall von Bali-Fieber und gaben mir Antibiotika. Das nahm ich auch noch, also auf die Malaria-Tabletten noch Antibiotika und dann war es völlig aus mit mir. Ich verlor das Bewusstsein und wachte in einem Krankenwagen wieder auf.

Alleine diese Fahrt nach Denpasar ins Krankenhaus hätte mich schon fast umgebracht weil der undichte Auspuff des Krankenwagens direkt meine Patientenkabine qualmte, wo ich um Luft rang.

Naja, auf jeden Fall kam ich, mehr oder weniger lebendig, im Krankenhaus in Denpasar auf einer Liege getragen an.

Rechterhand sah ich einen großen Saal mit einer bestimmt 30, 40 Betten, die da lagen und drum herum immer die Familien, die ihre Angehörigen versorgten. Alles abgedunkelt, also wirklich wie so ein Feldlazarett. Und dann kam einer der Ärzte auf mich zu und fragte, Hello Sir, how you want to pay? Zum Glück war ich gerade noch geistesgegenwärtig genug, meine goldene Mastercard zu zücken, die ich für Notfälle immer dabei hatte.

Ah, welcome, Sir, this direction und für mich ging es nicht nach rechts ins Feldlazarett , sondern nach links in einen wunderschönen Garten, wo es vier Krankenhaussuiten gab, um einen Springbrunnen mit Goldfischen herum, mit Aircondition, mit Telefon mit persönlicher Krankenschwester.

Im Krankenhaus war ich dann wieder weggetreten. Ich sah teilweise Szenen aus der Vergangenheit, mein ganzes Leben an mir vorbeirauschen, so wie man das halt hört, wenn es zu Ende geht, dass man noch mal einen Blick auf sein vergangenes Leben werfen kann. So war das bei mir auch. Und nach außen hin sah das wahrscheinlich gar nicht so gut aus, wie ich an den ganzen Schläuchen und mit dem Fieber und so weiter. Aber ich muss sagen, von innen her, mein Empfinden innen war eigentlich ein ganz anderes.

Mir ging das eigentlich ausgesprochen gut und ich habe mir gerne diese Bilder aus der Vergangenheit, diese Filme noch mal angeguckt. Und ich hatte überhaupt keine Angst. Und dann kam die eigentlich interessante Erfahrung.

Ich stand in diesem Zustand äußerer Bewusstlosigkeit, aber inneren Klarheit irgendwie an einer Schwelle, wo ich mich entscheiden konnte, ob ich weiterleben will oder ob ich gehen will.

Und zu diesem Zeitpunkt, wenn ich zurückblickte, war ich so glücklich und so zufrieden mit meinem Leben, dass ich mir bis dahin hatte nie reinreden lassen und dass ich immer gemacht hatte, was ich wollte und all diese schönen Länder, die ich bereisen durfte. Und ich war einfach nur glücklich und dankbar und so verbunden mit dem Göttlichen, dass ich angstfrei sofort hätte gehen können.

Das wäre also überhaupt kein Problem für mich gewesen. Ich hatte dann nur darüber nachgedacht, wie das wohl meine Eltern verkraften würden, wenn ihr 26-jähriger Sohn dann auf einmal auf Bali verstorben wäre. Und klar, wie ich war, dachte ich, nein, das kannst du deinen Eltern nicht antun, das kannst du nicht machen. Also entschied ich mich ganz bewusst zu bleiben und bin ja immer noch bei da.

Ich kriegte natürlich Medikamente, auch eine Diagnose. Was ich hatte, war Typhus, also eine starke Durchfallerkrankung, wo man austrocknet und das kann wirklich tödlich ausgehen, aber ja, in dem Fall nicht für mich. Ich kriegte Medikamente und Infusionen und so weiter.

Und dann ging das Telefon und mein Freund Bali Jürgen, der Inhaber vom Three Brothers rief an. Er war ein paar Tage unterwegs gewesen und hatte nun gehört, ich wäre im Krankenhaus. Aufgebracht schnauzte er mich an, was ich da mit mir machen ließe und ob ich überhaupt eine Ahnung hätte wass das Krankenhaus koste!?

Ich erkundigte mich, es waren 250 Dollar die Nacht. Nicht gerade wenig, für 1990.

Wir kommen jetzt und holen dich raus fluchte er noch, dann legte er auf.

Und ja, dann kam er dann auch an und hatte einen balinesischen Medizinmann mitgebracht und die schmierten mich ein mit so einer Paste, ähnlich wie Tigerbalm, von Kopf bis Fuß, sogar bis hinter die Ohren.

Und dann hatten sie so Kräutertee mitgebracht, mehrere Thermoskannen und mehrere Wolldecken. Dann wurde ich zugedeckt und vorher eingeschmiert und dann musste ich halt die ganze Nacht diesen bitteren Kräutertee trinken. Und dann habe ich geschwitzt wie noch nie im Leben, also gefühlt eine ganze Badewanne Schweiß ausgeschwitzt. Und was soll ich sagen? Am nächsten Morgen war das Fieber runter, ich war wieder bei Bewusstsein.

Zwar noch nicht wieder fit. Ich hatte noch nicht die Kraft, wieder alleine zu laufen, aber länger im Krankenhaus zu bleiben für 250 Dollar die Nacht fand ich nun auch keine gute Idee.

Die Ärzte hätten mich natürlich gerne noch ein paar Wochen da behalten, aber ich rief mir einfach ein Taxi und fuhr zurück ins Three Brothers.

Der liebe Jürgen gab mir eine Hütte versorgte mich mit balinesischer Hühnersuppe und sorgte dafür, dass ich langsam wieder auf die Beine kam.

Während ich noch das Bett hüten müsste, hatte ich immer noch Halluzinationen. So muss das sein, wenn man irgendwelche Substanzen genommen hat, die ich aber gar nicht genommen hatte.

Das war so, ich habe ganz real Sachen gesehen, die ich wusste, die nicht da sind. Also mein Geist war ganz klar, hey, du halluzinierst, aber das war trotzdem, ja wie im Kino, man konnte sich das alles angucken und ein Bild, was immer wieder auftauchte, auf dem Tisch vor dem Bett sah ich ein Glas, so ein großes Einweckglas und da war ein Frosch drin.

Und eine Leiter, und der Frosch hatte einen Cowboyhut auf, und er war da drin. Und der Frosch, der kletterte immer die Leiter hinauf bis zum Glasrand und hielt ein Schild hoch. Und da stand drauf, you can go your own way. Und ich guckte das an und dachte, das ist ja irre irgendwie, weil du fantasierst ja, das ist eine Halluzination.

Aber ich dachte, okay, wenn das meine Halluzination ist, dann kann ich es ja beeinflussen. Und ich wollte nicht, dass der da abhaut, der Frosch, also habe ich mich drauf konzentriert und habe ihn zurückgeschickt. Und dann ist der Frosch auch tatsächlich durch die Kraft meiner Gedanken die Leiter wieder runter gekrabbelt.

Aber kaum hatte ich meinen Blick eine Sekunde abgewendet, kletterte der wieder hoch und hielt das Schild hoch, you can go your own way. Und so ging das manchmal stundenlang mit diesem Frosch, der ja nur Teil meiner Halluzination war.

Irgendwann war ich wieder klar, war ich ausgeruht und die Reise konnte weitergehen.

Von Bali hatte ich wirklich genug und ich bestieg das Flugzeug nach Sydney, Australien und machte mich wieder auf "meinen eigenen Weg".

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Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen