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· Carsten Schneider

Anekdoten auf dem Weg zur Erleuchtung lV

Die Sache mit dem Koan und die Antwort des erleuchteten Meisters

Also die Sache mit dem Klosterleben hatte ich mir gänzlich anders vorgestellt. Es war natürlich eine aufregende Erfahrung, unter Mönchen zu sein. Ab und zu kamen Besucher und Gäste, dann bauten sich die Mönche auf und chanteten ihre Mantren aus dem Pali und es war eine feierliche Atmosphäre. Aber die meiste Zeit machte halt jeder was für sich.

Ich machte auch etwas für mich. Ich guckte mir das bei den Mönchen ab. Wahrscheinlich hatten die Mönche oder mein Onkel ein Stadium erreicht, wo man nichts mehr tun musste, wo man keine Regeln mehr befolgen musste, keine Praxis mehr haben musste und nichts mehr laufen musste. Wahrscheinlich waren sie auch schon weiter. Obwohl ich mir bei meinem Onkel nicht immer ganz sicher war, muss ich ehrlich sagen. Alles, was ich ihn fragte, wurde so beantwortet, dass es in einem Lachen endete. Im Grunde genommen hatte ich das Gefühl, er verarscht mich.

Die Vorstellung, die ich hatte, als ich ins Kloster ging, war geprägt durch die Schilderungen aus dem Buch Der leere Spiegel, dieser jungen Amerikaner, der ins Zen-Kloster ging nach Japan. Und da ist ein zentrales Thema das Koan.

Ein Koan ist eigentlich keine Frage, auf die man eine kluge Antwort geben kann. Es ist eher etwas, das dich langsam aus dem gewöhnlichen Denken herausdrängen soll. Im Zen geht man davon aus, dass wir die Welt ständig mit dem Verstand ordnen und benennen: richtig oder falsch, ich oder du, Erfolg oder Scheitern. Ein Koan bringt genau diese Gewohnheit ins Wanken.

Der Zen-Meister gibt dem Schüler oft einen kurzen Satz oder eine scheinbar absurde Frage. Zum Beispiel: „Wie klingt das Klatschen einer einzigen Hand?“ Oder: „Wer bist du, bevor du geboren wurdest?“ Der Schüler trägt diese Frage dann lange mit sich herum, manchmal über Monate oder Jahre. Aber er soll sie nicht logisch lösen wie ein Rätsel. Gerade das funktioniert nämlich nicht.

Irgendwann merkt man, dass der Verstand immer wieder gegen eine Wand läuft. Und genau darin liegt der Sinn. Das Koan soll einen Punkt erreichen, an dem das reine Denken nicht mehr weiterkommt und etwas anderes auftaucht – eine unmittelbare Erfahrung, ein plötzliches Verstehen ohne Worte.

Darum wirken die Geschichten aus dem Zen oft so seltsam. Der Meister antwortet nicht direkt, schweigt, lacht, schreit oder sagt etwas völlig Unerwartetes. Von außen sieht das manchmal verrückt aus. Aber es geht darum, den Schüler aus seinen gewohnten Mustern herauszureißen.

Vielleicht könnte man sagen: Ein Koan ist wie ein Spiegel, der nicht dein Gesicht zeigt, sondern die Grenzen deines Denkens. Und irgendwann sieht man für einen kurzen Moment hindurch.

Ehrlich gesagt, so etwas hätte ich mir auch gewünscht. Oder besser gesagt: genau so etwas hatte ich erwartet. Strenge Ordensregeln, disziplinierte Meditation, ein erleuchteter Meister, der dir bedeutungsvolle Fragen stellt, über die du dann tagelang meditierst, bis sich irgendwann die große Wahrheit öffnet.

Bei meinem Onkel war ich mir allerdings nicht ganz sicher, ob er wirklich erleuchtet war – oder ob er sich einfach einen sehr guten Spaß aus der ganzen Sache machte.

Und um ihn ein bisschen zu testen, in meiner jugendlichen Naivität, brachte ich ihm das berühmte Koan aus dem Buch:

„Welches Geräusch macht die rechte Hand, wenn beide Hände klatschen?“

Ich ging also zu ihm und sagte:

„Dhamaviro, darf ich dir mal eine Frage stellen? Welches Geräusch macht die rechte Hand, wenn beide Hände klatschen?“

Er schaute mich an und sagte:

„Keins.“

Das war’s.

Ich saß da erstmal. Das musste ich kurz innerlich sortieren. Kein Vortrag, keine Erklärung – einfach nur: „Keins.“

Und er war ja der Meister.

Dann sagte er:

„Gut. Aber wenn du mich hier schon auf die Probe stellen willst, habe ich auch ein Koan für dich.“

Die Frage lautete:

„Warum heißt das Pferd Pferd?“

Ich zog mich in meine Mönchshütte zurück und meditierte. Und meditierte. Und meditierte.

Nach einiger Zeit dachte ich, ich hätte eine Antwort gefunden. Also ging ich zu ihm und sagte:

„Ich habe vielleicht eine Antwort.“

Ich stammelte etwas darüber, dass Menschen irgendwann begonnen hätten, Dinge zu benennen, um die Welt zu ordnen.

Er schaute mich an und sagte:

„Falsch.“

Dann kam die Antwort:

„Das Pferd heißt Pferd, weil es ist auf der Erd. Wäre es in der Luft, hieße es Pfluft.“

Und dann brach er vor Lachen zusammen, und die anderen Mönche auch.

Ich stand wieder da und war mir ziemlich sicher, dass ich gerade im Zen durchgefallen war.

So war mein Alltag im Wat Tham Kop in Thailand.

In den folgenden Jahren besuchte ich ihn immer wieder. Und je weiter ich mich selbst entwickelte, desto besser wurden auch meine Fragen – und erstaunlicherweise auch seine Antworten.

Rückblickend würde ich sagen: Er hat sich zwar einen Spaß gemacht, aber er war wirklich sehr weit. Nur damals konnte ich das noch nicht erkennen.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen