Die Insel der Götter und Dämonen
Auf Bali war ich eigentlich auch wieder gar nicht vorbereitet. Es ist ja so: wenn man lange auf Reisen ist, gerade damals in Thailand, trifft man ständig andere Traveller, die einem von irgendwelchen magischen Orten erzählen, an denen sie gewesen sind. Und irgendwann bekommt man Lust, selber weiterzuziehen und diese Orte auch zu entdecken.
Ich hatte damals ohnehin unglaublich viel Zeit. Ich war monatelang unterwegs, hatte ein halbes Round-the-World-Ticket in der Tasche und eigentlich überhaupt keinen festen Plan. Im Grunde war ich auf dem Weg nach Australien, weil ich dort surfen wollte. Und Bali lag nun mal auf dem Weg. Außerdem hatte ich von allen Seiten gehört, Bali müsse unglaublich toll sein.
Also buchte ich einfach den nächsten Flug.
So kam ich von Bangkok über Singapur schließlich nach Bali. Und ehrlich gesagt hatte ich wieder keine Ahnung. Ich hatte nichts recherchiert, nichts gelesen, keinen Plan gemacht. Ich landete in Denpasar am Flughafen und dort blätterte ich zum ersten Mal im Reiseführer. Immerhin hatte ich diesmal einen.
Ich blätterte also im Reiseführer und versuchte herauszufinden, wie man sich auf Bali eigentlich fortbewegt. Dort stand, dass die Taxis oder Sammeltaxis auf Bali Bemos heißen und meistens gelb seien.
Und tatsächlich kam kurz darauf schon so ein gelbes Bemo angefahren.
Also sprang ich einfach hinten rein.
Darin saß bereits ein deutsches Paar. Ich fragte sie einfach, wo sie hinwollten, und sie erzählten mir von irgendeinem tollen Ort, den sie empfohlen bekommen hatten. Also dachte ich mir: warum nicht? Und fuhr einfach mit.
So landete ich kurze Zeit später im „Three Brothers“ in Legian auf Bali.
Bali war vieles. Es war die Insel der Götter und Dämonen. Es war ein tropisches Paradies. Es war meditative Befreiung, eine endlose Hippie-Party und am Ende eine spirituelle Grenzerfahrung für mich.
Bali war damals noch kein lärmendes Instagram-Paradies, sondern eine Insel wie aus einem alten Traum geboren – ein tropischer Garten zwischen rauchenden Vulkanen und dem endlosen Atem des Indischen Ozeans. Über den Reisfeldern lag der Duft von Räucherwerk und Frangipani, während aus den Tempeln das rhythmische Schlagen der Gamelan-Musik drang. Fast jeden zweiten Tag schien irgendwo ein Tempelfest stattzufinden: Prozessionen in weißen Gewändern, Opfergaben aus Blüten und Reis, Gebete für die unsichtbare Welt.
Die Balinesen lebten nicht nur mit ihren Göttern – sie lebten mitten unter ihnen. In jedem Banyanbaum, in jeder Quelle, in jedem steinernen Tempeltor schien ein Geist zu wohnen. Doch wo Licht war, lauerte auch Schatten. Denn Bali war nicht nur die Insel der Götter, sondern ebenso die Insel der Dämonen. Hinter der paradiesischen Schönheit, hinter dem Lächeln der Tänzerinnen und dem goldenen Flimmern der Tropensonne verbarg sich etwas Archaisches, Dunkles und Uraltes.
Nachts, wenn der Dschungel zu atmen begann und die Schatten der Palmen über die Mauern krochen, schien die Insel ihr anderes Gesicht zu zeigen. Dann wirkte Bali wie ein Ort zwischen den Welten – ein Reich, in dem himmlische Kräfte und dämonische Mächte gleichermaßen gegenwärtig waren. Und genau in diesem magischen Spannungsfeld aus paradiesischer Schönheit und unsichtbarer Bedrohung begann meine Geschichte.
Man könnte diese Insel auch als ein lebendiges Mosaik aus Grün beschreiben, das sich in unzähligen Schattierungen übereinanderlegt – die Reisfelder wie gestufte Spiegel einer anderen Welt, in fließenden Terrassen in die Hänge geschnitten. Dieses Grün ist nicht einfach nur Farbe, es ist Überfluss, Dichte, fast schon eine Überwältigung der Sinne. Als würde die Landschaft selbst träumen – oder als hätte man den Blick durch eine veränderte Wahrnehmung geschärft, in der die Realität leicht kippt und alles ein wenig zu intensiv, zu leuchtend, zu unwirklich erscheint.
Und dann dieser Himmel. Durch die Nähe zum Äquator scheinen Sonnenuntergänge dort nicht langsam zu verblassen, sondern regelrecht zu entbrennen. Das Meer wird am Abend zu einem flüssigen Spiegel aus Glut und Gold, als hätte sich unter der Oberfläche ein uraltes Feuer entzündet. Die Sonne sinkt nicht einfach – sie versinkt in einem dramatischen Finale, das den Horizont in flammendes Orange, tiefes Purpur und schimmerndes Kupfer taucht.
In diesen Momenten wirkt Bali endgültig wie ein Ort jenseits der gewöhnlichen Welt: ein Zwischenreich aus überirdischer Schönheit und stiller Unruhe, in dem selbst die Natur so intensiv spricht, dass man nicht mehr sicher ist, ob man sie noch beobachtet – oder ob sie einen längst selbst betrachtet.
Mein Tag auf Bali gestaltete sich meistens folgendermaßen:
Morgens, wenn ich aufstand, stand immer schon gekochter Tee auf meiner Terrasse. Ich konnte diesen Tee trinken und direkt meine Morgenmeditation machen. Danach war die beste Zeit für die Wellen. Ich bin dann eigentlich immer als erstes zum Strand runter, ein bisschen surfen. Es ist wirklich eine brutale Sportart, wenn man von der Welle gewaschen wird und minutenlang gefühlt nicht mehr hochkommt. Diese Naturgewalt zu erleben war irre.
Gestärkt habe ich mich meistens in der „Three Brothers“-Anlage, die meinem Freund Bali-Jürgen gehörte. Also „Three Brothers“, die drei Brüder. Dort gab es ein kleines Restaurant und zum Frühstück immer einen Black Rice Pudding – schwarzer Reis gekocht in Kokosmilch, getoppt mit Mango. Dazu diesen Bali-Kopi-Kaffee, den es wirklich nur in Indonesien gibt.
Danach bin ich zurück in meine Anlage und habe eigentlich den ganzen Tag vor meiner Hütte gesessen und meditiert. Inspiriert war ich noch immer durch das Buch Der leere Spiegel, dieses Zen-Buch, das mich schon im Kloster begleitet hatte.
Darin gab es eine Geschichte über einen jungen und einen erfahrenen Mönch. Der junge Mönch sitzt perfekt in Meditation, alles richtig, konzentriert, unbeweglich – aber dann fliegen Fliegen ins Zimmer. Er wird immer unruhiger, bis er schließlich wild um sich schlägt und die Meditation völlig verliert.
Der erfahrene Mönch dagegen bleibt ruhig. Und als die Fliegen kommen, schlägt er sie einfach eine nach der anderen gezielt weg, bis Ruhe ist, und setzt dann seine Meditation fort.
Diese Geschichte hat mich sehr beschäftigt. Ich habe angefangen zu überlegen, was in meinem eigenen Leben die „Fliegen“ sind. Nicht die kleinen Alltagsgedanken, sondern die großen Themen, die immer wiederkommen – Beziehungen, Kindheit, Arbeit, alte Muster.
Und ich habe angefangen, genau so damit zu arbeiten. Nicht mehr wegdrücken, nicht mehr ignorieren, sondern mir jedes Thema bewusst vorzunehmen und so lange zu betrachten, bis es sich geklärt hatte. Manchmal dauerte das zwei Tage, manchmal mehrere Wochen.
Nach etwa zwei Monaten war plötzlich etwas anders. Es kam nichts mehr in dieser Form nach. Mein Kopf war ruhig. Klar. Still.
Ich saß unter einem Frangipani-Baum, eine Blüte fiel herunter, ich trank meinen Tee, und ich wusste nicht, ob man das Erleuchtung nennen kann – aber ich hatte noch nie in meinem Leben so etwas wie Verbundenheit und Klarheit gespürt.
Vielleicht war es Erleuchtung.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
