Wilde Fahrt durch den Dschungel
Die Fahrt mit dem Nachtbus in den Süden hätte abenteuerlicher nicht sein können. Aber bevor es losging, musste ich mit den beiden Mönchen noch ins Sheraton Hotel in Bangkok, weil da gab es eine deutsche Bäckerei und die deutschen Mönche standen und an mich auf Weißbrot, so wussten wir also noch ein, zwei Taschen voll Weißbrot kaufen, die dann mit ins Kloster sollten. Abends erwartete uns der Nachtbus und das war ganz witzig. Hinterm Fahrer wollte immer keiner sitzen, weil zu der Zeit der Weg in den Süden noch gar nicht ganz sicher war und die Busse wurden oftmals von Plünderern, Räubern, Banditen von der Straße geschossen und tatsächlich, also hinterm Busfahrer waren Einschusslöcher in der Scheibe und deswegen wollte da keiner sitzen, ausser Mönche auf den Mönche schoss man nicht und deswegen sassen die Mönche und ich dazwischen vor dem einschussdurchlöcherten Fenster.
Aber gut, es ging und dann ging die wilde Reise los und gerade weil es so gefährlich war, hat der Busfahrer eigentlich die ganze Nacht Vollgas durchgehalten. Der hat nicht angehalten für Hindernisse, für Gegenverkehr oder sonst was. Die sind einfach knallhart durchgebrettert, vorbei an Kautschukplantagen, Bananenplantagen, durch den Dschungel, durch die tiefe Nacht, volles Rohr, einfach durchgeknattert.
Und ja, aber es klappte gut. Am nächsten Morgen kamen wir an. tatsächlich im tropischen Dschungel unten im Süden, das war viel tropischer als in Bangkok, in der Ortschaft Taput. In Taput wurde dann nochmal kräftig eingekauft, frisches Gemüse und frisches Obst, Mandarinen, Ananas, Bananen und so weiter fürs Kloster. Und dann stiegen wir um auf Taxi-Motorräder.
Die haben dann die Strecke in die Berge gemacht, im Zickzack, wo dann nach 30 Minuten das Kloster erreicht wurde. Von der Strasse bis zum Kloster waren trennten uns eigentlich nur noch fünf Meter, doch dies war wohl der gefährlichste Teil der ganzen Reise.
Auf uns wartete die Tempel Gang, eine ca. 20 köpfige Affenbande, der es nach frischen Obst gelüste.
Und dann wurde ich dann auch schon überfallen und geplündert. Die Affen hatten schon geahnt, das es heute Fette Beute zu machen gab.
Sie sprangen mich an und fletschten die Zähne und zogen an den Beuteln und so weiter. Und ich wusste mir gar nicht anders zu helfen, als so schnell wie möglich den ganzen Ballast wegzuschmeissen und mich ins Kloster zu retten. Das war also mein Ankommen.
Im Kloster erwartete mich dann tatsächlich der ehrwürdige Abt Ven Dhamaviro, mein Onkel Manfred, mit den Worten: „Da bist du ja endlich.“
Da der Dhamaviro seit seiner Zeit als Abt im Haupthaus lebte, wurde mir seine ehemalige Mönchshütte im Dschungel überlassen. Dazu mussten wir durch eine Höhle durch ins Dschungeltal und da hatte ich dann seine ehemalige Hütte, ganz klein, mitten im Busch, ein Tagesbett, viele Bücher, Gläser, Einmachgläser mit irgendwie, ja, anatomischen Sachen, irgendwie ein Embryo von einem Affen, Totenkopf und so weiter. Alle so komische Sachen lagen da rum. Bettdecke gab es nichts. Bettdecke war eine Mönchsrobe und weil es eben so sehr im Dschungel war, alles verfeucht, alles verspackig, alles war ein bisschen schimmelig. Ja.
Das sollte jetzt also mein Zuhause sein für die nächsten Monate.
Der Klosteralltag im thailändischen Kloster hatte irgendwie so gar nichts zu tun mit dem, was ich erwartet hatte aus meinem Buch Der leere Spiegel und diesem Zen-School und so weiter. Das konnte ich wirklich schwer einordnen. Das Ganze schien mir eher so eine Mönchskommune zu sein, wo jeder macht, was er will und wo es eigentlich so gut wie gar keine Ordensregeln gab.
Das hat mich doch etwas verwundert.
Der Alltag sah in der Regel so aus, dass man morgens um halb sechs aufstand. Dann ging es um sechs ins Dorf zum Bettelgang mit den Mönchen. Aber das ist kein Betteln im klassischen Sinn, sondern die Einwohner spenden den Mönchen etwas und bedanken sich sogar dafür. Sie sind dankbar, dass die Mönche die Gaben annehmen. Man geht also in einer Reihe mit leeren Töpfen durchs Dorf und jeder tut etwas hinein: der eine hat Hühnercurry gekocht, der andere Schweinecurry, der nächste Reis, Bananencurry, alles mögliche – und immer sauscharf.
Ich war der, der am Ende ging und die Töpfe tragen musste. Diese Töpfe, die gibt es heute noch, das sind so mehrere ineinander greifende Behälter, die sich verschließen und die Nahrung warm halten – so Henkelmänner.
Und die Dörfler wollten natürlich wissen, wie ich heiße oder wer ich bin. Mein Onkel sagte dann auf Thailändisch, das ist der Henkelmann, der den Henkelmann tragen muss. Und immer wenn mich die Dörfler irgendwo sahen oder ich durchs Dorf ging, riefen sie mir hinterher: „Henkelmann! Henkelmann!“
Ansonsten war das natürlich ein starker Eindruck. Das Einzige, was mich genervt hat, war, dass wenn man barfuß im Gras vor den Hütten stand, während man auf das Essen wartete, einen die Blutegel erwischt haben. Das war nicht so schön, aber ansonsten ging das.
Dann ging man mit dem Essen fürs Mittagsmahl zurück ins Kloster.
Dort gab es erstmal eine besondere Kaffeezeremonie. Rohkaffee wurde auf dem Markt gekauft. Der wurde dann über eine selbst gebastelte Edelstahltrommel geröstet, über Bunsenbrennern. Und dann wurde er gemahlen mit einer alten Kaffeemühle, die sah aus wie beim Räuber Hotzenplotz. Das war also auch eine meiner Aufgaben.
Und dann gab es eine ganz besondere Technik, wie man den Kaffee aufgoss: erst wurde der Filter komplett geflutet, dann ließ man ihn stehen und goss dann gezielt in die Mitte, ohne Unterbrechung, bis die Kanne voll war. Das war ein sehr, sehr starker Kaffee, viel stärker als man ihn hier kennt, aber gar nicht so schwarz, eher ein bisschen durchsichtig wie schwarzer Tee, aber sehr aromatisch.
Dazu gab es diese stark gezuckerte Dosenmilch aus Thailand.
Und dann gab es – völlig überraschend – Toastbrot mit Marmelade, das wir im Sheraton Hotel in Bangkok gekauft hatten. Damit hatte ich im thailändischen Kloster natürlich auch nicht gerechnet.
Der Vormittag begann dann eigentlich richtig. Jeder machte, was er wollte, es gab kein festes Programm. Für mich gab es aber immer Aufgaben: Rasen mähen, aufräumen, putzen, Geschirr waschen – ich hatte eigentlich immer etwas zu tun.
Um halb zwölf gab es dann das eingesammelte Essen. Vor dem Essen wurde ein Mönchsgebet gesungen. Namo Bhagavato und so weiter. Dann saßen die Mönche höher als ich oder andere Laien, die manchmal zu Besuch waren. Die saßen dann ein bisschen unwürdig darunter.
Dann haben die Mönche ordentlich gegessen und sich das schmecken lassen. Und man hat erstmal zugeschaut.
Und wenn die fertig waren – das war so kurz vor zwölf, fünf vor zwölf – dann durfte ich die Reste essen. Ab zwölf durfte man nichts mehr essen, das war die Regel. Am Anfang konnte ich überhaupt nicht essen, weil es so scharf war, ich hatte noch nie so scharf gegessen. Ich habe mich die ersten Wochen eigentlich nur von Reis und Bananen ernährt.
Dann musste ich meinen Napf waschen.
Der Nachmittag war wieder frei. Oft saß ich mit meinem Onkel zusammen, habe ihn viele Sachen gefragt und er hat aus seiner Zeit berichtet. Er hatte immer kleine Aufgaben für mich und hat mich auch ein bisschen auf die Schippe genommen. Ich wusste oft nicht: meint er das ernst oder ist das ein Witz? Ist der erleuchtet oder hat er einfach einen an der Klatsche? Ich war mir nicht sicher.
Abends wurde nichts mehr gegessen. Aber zur Kaffeezeit gab es nochmal Kaffee und diese süße Dosenmilch. Und weil die Mönche nichts essen durften, aber natürlich Hunger hatten, war das so ein Ersatzritual.
Dann saßen wir oft noch im Haupthaus vorne, haben uns unterhalten oder manchmal die Deutsche Welle gehört. Das war so der Tagesrhythmus. Nix mit um 2:00 h aufstehen und stundenlangen Meditieren.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
