Nach meiner ersten körperlichen Außerkörpererfahrung hatte sich mein Denken grundlegend verändert. Ich spürte früh, dass hinter der sichtbaren Realität noch etwas anderes existieren musste. In dieser Zeit fiel mir Siddhartha in die Hände, und das Buch traf mich tief. Ich identifizierte mich stark mit der Figur des jungen Siddhartha – mit diesem Suchenden, der nicht einfach den üblichen Weg gehen wollte, sondern nach Wahrheit, Erkenntnis und innerer Freiheit suchte.
Seitdem begann ich zu meditieren, und ich blieb dieser Praxis bis heute treu. Schon als Jugendlicher faszinierte mich alles, was mit Buddhismus, Indien, Mystik und spiritueller Suche zu tun hatte. Während viele Menschen um mich herum sich für die typischen Themen der 80er interessierten – Karriere, Konsum, Anpassung –, fühlte ich mich innerlich fremd in dieser Welt. Ich hatte das Gefühl, immer schon auf einem eigenen Weg zu sein.
Auch beruflich führte das zu Orientierungslosigkeit. Ich konnte mich weder für eine Ausbildung noch für ein Studium entscheiden, weil ich glaubte, dass ein Beruf etwas mit Berufung zu tun haben müsse. Doch meine eigentliche Berufung schien damals einfach darin zu bestehen, ein Suchender zu sein. Und tief in mir lebte die Überzeugung, dass ich eines Tages auch finden würde. Denn wie der junge Siddhartha glaubte ich, warten, fasten und denken zu können. Ich war überzeugt, dass genau darin mein Weg lag.
Ein weiteres entscheidendes Buch war später Der leere Spiegel. Dieses Buch faszinierte mich auf eine andere Weise als Siddhartha. Es war weniger poetisch und träumerisch, sondern hart, diszipliniert und kompromisslos. Die Geschichte eines jungen Mannes, der nach Kyoto ging, um in einem Zen-Kloster zu meditieren und sich strenger spiritueller Praxis zu unterwerfen, zog mich völlig in ihren Bann.
Mich faszinierte besonders diese Konsequenz: stundenlanges Sitzen, Schweigen, Meditation, Disziplin und die Konzentration auf das Wesentliche. Genau das wollte ich selbst erleben. Ich sehnte mich danach, alles hinter mir zu lassen und herauszufinden, ob es wirklich eine tiefere Wahrheit jenseits des gewöhnlichen Lebens gab.
Als ich meinen Eltern davon erzählte, eröffnete mir meine Mutter etwas Erstaunliches: Ihr Cousin Manfred war viele Jahre zuvor selbst nach Thailand gegangen, dort buddhistischer Mönch geworden und nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Er hieß inzwischen Ven Dhamaviro und lebte tief im Süden Thailands in einem Dschungelkloster. Mehr noch: Er war mittlerweile sogar Abt des Klosters Wat Tham Kop geworden.
Für mich war das überwältigend. Plötzlich gab es jemanden in meiner eigenen Familie, der genau den Weg gegangen war, von dem ich bisher nur gelesen hatte. Natürlich schrieb ich ihm sofort einen langen Brief, erzählte ihm von meiner Sehnsucht nach Meditation und meinem Wunsch, unter Mönchen zu leben, und fragte ihn, ob ich kommen dürfe.
Wochen später kam tatsächlich die Antwort: Ich sei willkommen. Ich solle an einem bestimmten Tag zu einem bestimmten Kloster in Bangkok kommen; dort würden mich zwei Mönche abholen.
Ohne große Vorbereitung, ohne Reiseführer und praktisch ohne Wissen über Thailand kaufte ich mir mit meinem knappen Budget ein Flugticket und machte mich auf den Weg. Thailand war damals noch kein alltägliches Reiseziel wie heute. Für mich fühlte sich die Reise an wie eine Expedition in eine vollkommen fremde Welt.
Meine erste Station war die Khao San Road in Bangkok – voller Traveller, Hippies, Rocker und Aussteiger aus aller Welt. Überall hingen Rauchschwaden in der Luft, in offenen Restaurants liefen Actionfilme, Menschen erzählten von jahrelangen Reisen durch Asien. Mein billiges Zimmer ohne Fenster entsprach genau meinem schmalen Reiseetat. Schon diese erste Nacht war ein Kulturschock und gleichzeitig unglaublich faszinierend.
Doch ich blieb nicht lange dort. Am nächsten Tag ging ich zu dem vereinbarten Kloster. Und tatsächlich warteten dort zwei deutsche Mönche in thailändischen Roben auf mich. Mit ihnen begann meine Reise tief hinunter in den Süden Thailands – hinein in den Dschungel, zu Ven Dhamaviro und dem Kloster Wat Tham Kop.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
