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· Carsten Schneider

Anekdoten von Yogi Drama auf dem Weg zur Erleuchtung

O Tannenbaum und die Unsterblichkeit

Meine erste spirituelle Erfahrung hatte ich ungefähr mit zwölf Jahren.

Und sie kam völlig unerwartet, ohne dass ich überhaupt eine Sprache dafür gehabt hätte.

Meine Eltern hatten damals häufiger Streit. Nicht nur leise Spannungen, sondern richtige emotionale Gewitter im Alltag. Irgendwann gingen sie deshalb zu einem Paartherapeuten.

Der empfahl ihnen autogenes Training.

Ich wusste nicht, was es war. Das Wort klang wichtig, fast wie etwas Medizinisches, aber völlig unverständlich. Autogenes Training nach Coe, glaube ich.

Meine Eltern hatten dazu ein Buch bekommen, und ich begann darin zu lesen.

Darin stand, man sollte sich ruhig hinlegen, gleichmäßig atmen und bestimmte Sätze innerlich vorsagen.

Also legte ich mich in meinem Kinderzimmer auf mein Bett und probierte die Übungen aus.

Meine Arme werden schwer.

Meine Arme werden schwer, ganz schwer.

Meine Beine werden schwer.

Ganz schwer, schwer werden meine Beine.

Meine Arme werden schwer.

Meine Beine werden schwer.

Ich bin ganz ruhig, gelockert und entspannt.

Zuerst passierte nicht viel.

Dann wurden meine Arme tatsächlich schwer, dann die Beine, und schließlich fühlte sich mein ganzer Körper an, als würde er tief in die Matratze einsinken.

Und dann geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Ich begann mich vom Körper zu lösen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, nach oben zu steigen, weg von mir selbst, weg von dem Bett. Ich schwebte unter die Zimmerdecke und sah von dort nach unten.

Da lag ich.

Ein ganz normaler Junge in einem ganz normalen Bett.

Ich bekam Angst. Eine sehr direkte, existenzielle Angst.

Um Gottes Willen, bin ich vielleicht gestorben?

Und genau in diesem Moment kam dieses schrille Geräusch aus dem Nebenzimmer.

Und es zog mich zurück.

Nicht langsam. Nicht irgendwie sanft.

Sondern schlagartig, wie an einem Gummiband.

BAMM — wieder im Körper.

Ich riss die Augen auf, atmete tief ein und war wieder da. Alles war normal, aber nichts fühlte sich mehr ganz normal an.

Erst danach wurde mir klar, woher dieses Geräusch kam: aus dem Nebenzimmer.

Dort saß meine Schwester und übte im Mai noch immer „O Tannenbaum“ auf der Blockflöte. Mit einer Beharrlichkeit und Lautstärke, die irgendwo zwischen musikalischem Ehrgeiz und akustischer Grenzerfahrung lag.

Und genau aus dieser Erfahrung heraus entstand etwas in mir, das sich nicht mehr wegdrücken ließ.

Wenn ich mich vom Körper lösen konnte und ihn von außen gesehen hatte — und trotzdem dieses klare Gefühl von „Ich bin“ geblieben war — dann konnte dieses „Ich“ offenbar nicht einfach identisch mit dem Körper sein, den ich da liegen sah.

Der Körper war etwas, das ich anschauen konnte.

Aber ich war gleichzeitig etwas, das schaute.

Und daraus entstand zum ersten Mal diese ganz stille, aber hartnäckige Ahnung:

Vielleicht ist man nicht nur der Körper.

Vielleicht bleibt da etwas übrig, selbst wenn der Körper ganz still wird.

Ich war zwölf Jahre alt.

Und meine erste Begegnung mit dieser Idee von etwas wie Unsterblichkeit begann mit einem Buch über Entspannung — und endete mit einer sehr entschlossenen Blockflöte im Nebenzimmer.

Siddhartha und Opa im Kinderzimmer

Eines der nächsten Bücher in diese Richtung, das mich sehr geprägt hat, bekam ich mit ungefähr vierzehn Jahren in die Hand: Siddhartha von Hermann Hesse.

Im Kern geht es um einen jungen Mann zur Zeit Buddhas, der nicht einfach einem vorgegebenen spirituellen Weg folgen will, sondern selbst erfahren möchte, was Wahrheit, Erleuchtung und innerer Frieden eigentlich sind. Er verlässt sein Leben, durchläuft verschiedene Stationen von Askese und Weltlichkeit und findet seine Erkenntnis am Ende nicht durch Lehre, sondern durch Erfahrung und das Leben selbst.

Was bei mir hängen blieb, war die Grundidee: dass Wahrheit nicht nur gedacht oder gelernt wird, sondern erlebt werden muss — und dass es so etwas wie eine tiefere Ebene des Daseins geben könnte, die nicht vollständig an äußere Formen gebunden ist.

Das verstärkte mein ohnehin schon vorhandenes Gefühl, dass es so etwas wie Körper und Seele geben könnte, wobei die Seele unabhängig vom Körper existieren kann.

Einige Zeit später starb mein Großvater.

Ich lag eines Abends in meinem Kinderbett, als ich plötzlich sehr deutlich spürte, dass er da war. Nicht als Gedanke oder Erinnerung, sondern als Präsenz. Ich konnte ihn nicht sehen, aber er war eindeutig spürbar.

Mit dem inneren Verständnis, das ich damals hatte, begann ich mit ihm zu sprechen.

Ich sagte so etwas wie:

„Opa, du bist gestorben. Du kannst eigentlich nicht mehr hier sein. Du musst jetzt gehen.“

Und in meinem Erleben geschah genau das.

Die Präsenz wurde schwächer, entfernte sich und war irgendwann weg.

Für mich war das eine sehr reale Erfahrung.

Und solche Erlebnisse verfestigten damals immer mehr dieses innere Weltbild: dass Bewusstsein oder etwas wie Seele nicht zwingend mit dem Tod endet, sondern auf eine Weise weiter bestehen kann, die ich zwar nicht erklären konnte, die sich aber real anfühlte.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen