Es gibt Phasen in meinem Leben, die sind leise geworden. Nicht dramatisch, nicht laut, eher so, als würde sich etwas langsam zurückziehen. Dinge, die mich früher bewegt haben, sind noch da, aber sie berühren mich nicht mehr auf die gleiche Weise. Ziele, die einmal klar waren, wirken plötzlich weit weg. Und irgendwann kommt dieser Satz, den ich auch von anderen kenne, aber den ich selbst genauso gut kenne: dass ich eigentlich nichts mehr will.
Lange habe ich gedacht, das sei ein Problem. Weil ich ja weiß, dass vieles im Leben möglich wird, wenn man etwas wirklich will. Ich habe oft erlebt, wie Dinge sich fügen, wenn die Ausrichtung stimmt, wenn der Geist klar ist und sich sammelt. Ich weiß, dass dort, wo Aufmerksamkeit hingeht, auch etwas entsteht. Dass der Geist Realität mitformt, auf eine Weise, die man nicht einfach wegdiskutieren kann.
Und genau daraus entsteht dieses Paradox, das mich schon lange begleitet: Wenn ich weiß, dass vieles möglich ist, wenn ich wirklich will – was passiert dann, wenn ich nichts mehr wirklich will?
Ich habe in meinem Leben vieles erlebt, vieles ausprobiert, vieles erreicht. Ich würde sagen, ich habe nichts ausgelassen, was mich interessiert hat. Und irgendwann ist da nicht mehr dieser offene Raum voller Sehnsucht gewesen. Eher eine Art Sättigung. Nicht schwer, nicht negativ, eher still. Aber mit einer seltsamen Konsequenz: weniger innerer Druck, etwas erreichen zu müssen, aber auch weniger Richtung, die zieht.
Gleichzeitig kenne ich noch eine andere Seite sehr gut. Phasen von Erschöpfung, in denen es nicht nur eine innere Ruhe ist, sondern eine echte Leere. In denen selbst Dinge, die früher Freude gemacht haben, keinen Zugriff mehr haben. Und ich habe verstanden, dass das nicht nur eine mentale Frage ist, sondern sehr stark eine körperliche.
Wenn das System überlastet ist, wenn zu viel gekommen ist über zu lange Zeit, wenn kaum echte Pausen da waren, dann verändert sich etwas Grundsätzliches. Dann wird nicht nur die Energie weniger, sondern irgendwann auch das Wollen selbst.
Ich sehe das auch bei vielen Menschen so, die zu mir kommen. Es ist oft nicht der gleiche Ursprung, aber der gleiche Zustand. Manche sind durch ihren Job, durch Druck, durch ständige Reizüberflutung und soziale Dauererreichbarkeit völlig überfordert. Andere sind eher innerlich leer geworden, nach vielen Jahren, nach viel Erleben, nach viel Leben. Aber am Ende treffen sie sich an einem ähnlichen Punkt: erschöpft, leer, ohne klare Wünsche, mit dem Gefühl, eigentlich nur noch Ruhe zu brauchen.
Und ich glaube, genau dort wird es interessant, weil man dann merkt, dass es nicht nur eine individuelle Geschichte ist, sondern ein Zustand, der viele betrifft. Ein Zustand, in dem das Leben nicht mehr nach vorne zieht, sondern eher nach innen und nach Pause ruft.
Ich habe gelernt, dass mein erster Impuls in solchen Phasen nicht darin liegt, sofort wieder etwas „lösen“ zu wollen. Nicht sofort wieder Sinn zu suchen oder Motivation herzustellen. Weil ich immer wieder sehe, dass das oft zu früh ist. Wenn das System überlastet ist, kann es keine Tiefe halten, ohne weiter zu überfordern.
Deshalb beginne ich in meiner Arbeit immer ganz bewusst auf der körperlichen Ebene. Das ist für mich der Anfang von allem. Nicht als Konzept, sondern als Erfahrung. Erst einmal den Körper stabilisieren, das Nervensystem beruhigen, den Alltag entlasten, Reize reduzieren, Ernährung vereinfachen, den ganzen inneren und äußeren Lärm ein Stück weit herunterfahren.
Es geht am Anfang nicht darum, etwas zu verstehen, sondern überhaupt wieder in einen Zustand zu kommen, in dem man sich selbst spürt. In dem man merkt: Ich bin da.
Und ich sehe immer wieder, dass genau das der entscheidende Schritt ist. Dass der Geist nicht klar wird, wenn er weiter überfüllt wird, sondern wenn er leerer wird. Wenn weniger passiert. Wenn weniger Druck da ist. Wenn weniger von außen kommt.
Ein ganz wichtiger Teil davon ist für mich die Natur. Ich gehe dann raus, ohne Ziel, ohne Aufgabe. Und jedes Mal wieder erlebe ich, dass etwas passiert, das ich nicht machen kann. Es wird ruhiger. Der Körper kommt zurück. Die Gedanken werden langsamer. Und irgendwann entsteht wieder etwas sehr Einfaches: ein Kontakt zu mir selbst. Kein großes Erkennen, eher ein stilles Wieder-da-Sein.
Und genau aus diesem Zustand heraus kommt oft etwas zurück, das man nicht erzwingen kann. Kreativität. Interesse. Ein kleiner Impuls, der sich wieder bewegt. Nicht laut, nicht dramatisch, aber spürbar.
Ich habe gelernt, dass weder Sinn noch Motivation auf Knopfdruck entstehen. Und ich sehe das auch bei anderen: Je mehr Druck entsteht, wieder funktionieren zu müssen, desto weiter entfernt sich oft genau das, was man eigentlich sucht.
Vielleicht ist dieser Zustand, dieses „Ich will eigentlich nichts mehr“, gar nicht nur ein Fehler im System. Vielleicht ist er ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass zu viel gewesen ist. Zu viel außen, zu wenig innen. Zu viel Druck, zu wenig Raum.
Und vielleicht ist der Weg zurück viel einfacher, als er sich im Moment anfühlt. Nicht durch mehr Wollen, sondern durch weniger. Nicht durch mehr Suche, sondern durch mehr Sein. Zuerst im Körper. Zuerst in der Entlastung. Und erst wenn dort wieder Stabilität entsteht, irgendwann auch wieder im Inneren – in den Themen, den Mustern, den tieferen Fragen.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist das etwas, das ich mir selbst immer wieder sagen muss. So wie ich es anderen erkläre. Nicht als Theorie, sondern als Erinnerung daran, dass man manchmal nicht weitergehen muss, sondern erst einmal wieder bei sich ankommen darf.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
