Mein Leben – ein Traum?
Ich bin 1964 geboren. Wenn ich an meine Kindheit in den siebziger Jahren zurückdenke, kommt mir diese Zeit heute fast unwirklich vor. Alles war leicht, alles war offen, alles war möglich. Wir hatten das Gefühl, unendlich viel Zeit zu haben. Das Leben lag vor uns wie eine endlose Straße, die sich durch Felder und Wälder schlängelte, voller Geheimnisse, die nur darauf warteten, entdeckt zu werden.
Es gab noch eine klassische Familienstruktur. Der Vater ging arbeiten, die Mutter kümmerte sich um den Haushalt, kochte, ordnete, sorgte. Am Sonntag zog der Duft von Schweinebraten durch das Haus – dieser Duft ist bis heute ein Teil meiner Erinnerung.
Nach der Schule stürzten wir uns hinaus in die Welt. Wir mussten erst wieder daheim sein, wenn die Sonne unterging. Handys gab es nicht, niemand kontrollierte uns, und doch funktionierte alles. Wir bauten Hütten, radelten durch die Straßen, streiften durch Wälder, erfanden Spiele, dachten uns Unsinn aus – kleine Abenteuer, die sich wie ganze Welten anfühlten.
Am Wochenende machte die Familie Ausflüge. In die Lüneburger Heide, zum Pilze sammeln, zum Spazierengehen oder an die Ostsee. Es waren einfache Dinge, und doch fühlten sie sich riesengroß an. Die Natur, die Zeit miteinander, die Unbeschwertheit – alles schien unendlich.
Wir waren damals völlig unbewusst. Wir wussten nichts von der Ungerechtigkeit in der Welt, von Politik oder Umweltproblemen. Wir wussten nur, dass wir glücklich waren, dass alles in Ordnung war – und genau das war das Geschenk dieser Zeit.
Dann wurden aus Kindern Jugendliche. Die Welt wuchs mit uns.
Mit fünfzehn kam das erste Mofa, und plötzlich war der Horizont weiter als je zuvor. Wir fuhren durch Straßen und Felder, der Fahrtwind im Gesicht, die Freunde neben uns, und das Leben begann, sich in alle Richtungen auszubreiten.
Wir fühlten uns cool, wild, unbezähmbar. Diskotheken, Clubs, Musik in allen Farben – Pop, Punk, Ska, Hardrock – jede Szene hatte ihren eigenen Rhythmus. Nächte voller Lachen, Gespräche, Rauch und Musik, die durch den ganzen Körper vibrierte.
Dann kam der Führerschein, das erste Auto, ein alter VW Käfer. Für uns war es kein Auto, es war Freiheit in ihrer reinsten Form. Einfach losfahren, wohin wir wollten, die Nacht vor uns, die Musik laut.
Und die ersten Reisen allein: Mallorca, andere Länder. Zum ersten Mal spürte ich die Welt wirklich – die großen Straßen, die Menschen, das Meer. Alles war neu, alles aufregend, alles grenzenlos. Wir waren Entdecker unserer eigenen Jugend.
Mit den ersten Jobs, dem eigenen Geld, begann ich die große Reise meines Lebens. Asien, ferne Länder, die Stille eines Klosters bei meinem Onkel, das Leben wie ein Mönch – für eine Zeit. Dann wieder hinaus in die Welt, Palmenstrände, Sand, Meer, die Sonne auf der Haut. Orte, die ich bis dahin nur aus Werbung kannte, aus Fernsehspots für Duschgel oder Schokolade. Und plötzlich war ich selbst dort.
Die Dörfer liefen zusammen, um uns zu sehen. Fremde Gesichter, neugierig und freundlich, die Welt fühlte sich riesig und geheimnisvoll an. Ich fühlte mich wie ein Entdecker aus einer anderen Zeit.
Es war wie im Paradies. Erste Lieben, erste Erfahrungen mit Rauschmitteln, alles intensiv, alles lebendig. Das Leben ein Rausch, ein ununterbrochenes Abenteuer.
Und während ich reiste, begann ich zu meditieren, den Buddhismus zu studieren, mein Bewusstsein zu erweitern. Manchmal fühlte ich mich fast göttlich, als wäre ich dem Leben selbst ganz nah.
Ich war lange unterwegs, frei, ungebunden. Erst mit zweiundvierzig gründete ich eine Familie.
Dieses neue Abenteuer war leiser, aber tief. Ein Kind, ein kleines Leben, das mir anvertraut war. Plötzlich ging es nicht mehr nur um mich. Wir spielten auf dem Abenteuerspielplatz, entdeckten die Welt noch einmal durch Kinderaugen, lachten, spürten jeden Moment. Diese Zeit war unglaublich kostbar, und doch verging sie zu schnell. Plötzlich war das Kind ein erwachsener Mann, der seinen eigenen Weg ging.
Heute, mit einundsechzig, fühle ich mich manchmal wie ein alter Mann mit hundert. Die großen Abenteuer, die weiten Reisen – viele davon sind vorbei, viele Erinnerungen bleiben lebendig, getragen im Herzen. Das Leben hat sich verändert, die Tage sind ruhiger geworden, aber die Liebe, die Entdeckungen, die Freude an der Welt sind noch da, leise, beständig, ein Teil von mir.
Wenn ich aus dem Fenster schaue, trifft mich die Kälte der Realität. Die Welt wirkt rau, zerbrechlich, begrenzt. Mein eigener Körper, mein eigener Lebensrhythmus, die Jahre – alles spüre ich in seinem langsamen Verfall. Draußen wanken Demokratien, Machtspiele bestimmen das Geschehen, Krieg und Gewalt breiten sich aus, die Wirtschaftssysteme stürzen, KI und Robotik übernehmen Arbeitsplätze, und nichts scheint mehr sicher. Alles kommt so plötzlich, wie eine Flut, die alles mitreißt. Es ist ein abruptes Erwachen, das so surreal ist, dass man es kaum fassen kann. Ein großes Ende, das schwer auf mir lastet.
Und in diesen Momenten überkommt mich die Frage: Kann das wirklich real sein? Oder war das, was ich damals erlebt habe – meine Kindheit, Jugend, Reisen, die Zeit als Vater – nur ein Traum, und das Jetzt ist die Wirklichkeit? Ich weiß es nicht.
Doch ich bin noch hier. Und der alte Mann, der ich heute bin, fragt sich:
Werde ich noch in der Lage sein, aus diesem Zeitenwandel etwas Positives zu ziehen? Werde ich mich noch einmal neu entdecken, etwas Neues erleben, das Feuer spüren, das mich lebendig macht?
Die Antwort bleibt offen.
Aber vielleicht – nur vielleicht – liegt genau darin die Hoffnung.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
