Warum ich meinen Patienten rate, keine Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen
Fast zwei Milliarden Euro. So viel geben die Deutschen jedes Jahr für Nahrungsergänzungsmittel aus. Weltweit sind es über hundert Milliarden US-Dollar — Tendenz: rasant steigend. Vitamin D, Magnesium, Omega-3, Zink, Kollagen, Probiotika. Die Regale in Drogerien und Apotheken quellen über, die Werbung verspricht mehr Energie, bessere Haut, stärkere Abwehrkräfte, ein längeres Leben.
Und trotzdem werden die Menschen nicht gesünder.
Das ist kein Zufall. Es ist Logik.
Das Rohr ist verstopft — da nützt der beste Brennstoff nichts
Ich bin Heilpraktiker für Ayurvedische Medizin, und ich sage meinen Patienten oft dasselbe: Stell dir vor, du hast einen Garten und willst deine Pflanzen düngen. Du kaufst den teuersten Bio-Dünger, den du findest. Aber die Bewässerungsrohre sind verstopft. Was passiert? Das Wasser kommt nicht an. Die Pflanzen verdorren trotzdem.
Genau das passiert in eurem Körper, wenn ihr Unmengen von Nahrungsergänzungsmitteln schluckt, ohne vorher das eigentliche Problem zu lösen.
Im Ayurveda sprechen wir von den Srotas — das sind die feinen Körperkanäle, durch die Nährstoffe zu den Zellen transportiert werden. Winzige Kapillarbahnen, ein komplexes inneres Netz. Wenn dieses Netz frei ist, versorgt sich der Körper weitgehend selbst — mit dem, was er aus echter Nahrung zieht. Wenn es verstopft ist, helfen auch die besten Supplemente nichts. Die Nährstoffe kommen schlicht nicht an.
Und womit verstopfen diese Kanäle? Mit Ama.
Ama — das Wort, das die Westmedizin noch nicht kennt
Ama bedeutet wörtlich „unverdaut". Es bezeichnet Stoffwechselrückstände, die entstehen, wenn wir Dinge essen, die wir nicht verdauen können — oder wenn wir unter Stress essen, zu spät essen, zu viel essen, das Falsche für unsere individuelle Konstitution essen. Ama ist klebrig, zäh, schwer. Es setzt sich ab. Es verklebt die Srotas. Es überzieht Gewebe und Zellen wie ein dicker Film.
Aus ayurvedischer Sicht sind fast alle chronischen Krankheiten auf Ama zurückzuführen. Zunächst macht es sich bemerkbar durch Schweregefühl, Müdigkeit, trüben Kopf, einen belegten Zungenbelag am Morgen. Später können daraus ernsthafte Erkrankungen entstehen — stille, chronische Entzündungen, die sich über Jahre aufbauen.
Die moderne Wissenschaft nennt es anders, kommt aber zunehmend zu ähnlichen Schlüssen: Chronische Low-Grade-Entzündungen gelten heute als Mitverursacher von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Depressionen und neurodegenerativen Erkrankungen. Was der Ayurveda seit Jahrtausenden beschreibt, bestätigt die Forschung des 21. Jahrhunderts — nur mit anderen Begriffen.
Das eigentliche Problem heißt: Convenience Food
Wer meint, das Ama-Problem betreffe nur die paar Menschen, die wirklich schlecht essen, unterschätzt, was in deutschen Supermärkten täglich als „Essen" verkauft wird.
Laut Gesundheitsökonomen ist Deutschland eines der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Absatz an hochverarbeiteten Lebensmitteln in Europa. Rund die Hälfte dessen, was wir konsumieren, fällt in die Kategorie der sogenannten Ultra-Processed Foods — Produkte, die industriell so weit verarbeitet wurden, dass sie kaum noch Ähnlichkeit mit dem Ausgangsrohstoff haben. Drin stecken: Emulgatoren, künstliche Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, gehärtete Fette, Hochfructose-Maissirup, chemische Stabilisatoren.
Klingt abstrakt? Dann lies beim nächsten Einkauf einfach mal die Zutatenliste auf der Rückseite einer Fertigtüte, einer Frühstücksflockenpackung oder eines Joghurtdrinks. Wenn mehr als fünf Zutaten draufstehen — und wenn darunter Dinge sind, die du nicht in deiner Küche hast — dann hör auf das, was dein Körper eigentlich schon weiß: Das ist kein Essen. Das ist ein industrielles Produkt.
Der Körper kann diese Substanzen nicht aufschlüsseln. Er hat keine Enzyme dafür entwickelt, weil es diese Stoffe in der Natur nicht gibt. Er versucht es trotzdem — und hinterlässt dabei Rückstände. Ama. Die Forschung zeigt: Emulgatoren und künstliche Zusatzstoffe stören die Darmflora, beeinträchtigen die Barrierefunktion des Darms und fördern systemische Entzündungen. Eine große Meta-Analyse aus dem Jahr 2024, die Daten von über zehn Millionen Menschen auswertete, brachte den Konsum ultra-verarbeiteter Lebensmittel mit über 32 verschiedenen chronischen Erkrankungen in Verbindung — von Herzinfarkt und Schlaganfall bis hin zu Depressionen und kognitiven Einbußen.
Wir wissen es längst. Wir handeln nur nicht danach.
Wir sterben nicht an Unterversorgung
Das ist vielleicht der wichtigste Satz in diesem Artikel, also bitte einmal wirklich sacken lassen:
Wir sterben nicht an Unterversorgung. Wir sterben an Überbelastung.
Wir leben im reichsten Ernährungsumfeld der Menschheitsgeschichte. Es mangelt uns nicht an Vitamin D, Magnesium oder Omega-3. Es mangelt uns daran, dass unser Körper das, was er bekommt, nicht mehr verarbeiten kann — weil wir ihn permanent mit Dingen überfluten, die er nicht kennt, nicht braucht und nicht loswird.
Der Teufelskreis ist perfekt konstruiert: Wir essen industrielle Nahrung → das erzeugt Entzündungen → die Entzündungen erzeugen Beschwerden → wir nehmen Medikamente → viele dieser Medikamente belasten ihrerseits Leber, Darm und Nieren → die Selbstheilungskräfte schwächen weiter → die nächste Pille wartet schon.
Und irgendwo dazwischen stehen die Nahrungsergänzungsmittel — mit dem ehrbaren Versuch, ein System zu reparieren, das man gar nicht reparieren kann, solange man die eigentliche Ursache nicht angeht.
Was wirklich hilft — und es ist überraschend einfach
Die Antwort des Ayurveda ist keine exotische Geheimwissenschaft. Sie ist das, was Großmütter auf der ganzen Welt intuitiv wussten, bevor der Supermarkt die Küche ersetzte:
Iss einfach. Iss naturbelassen. Iss zu festen Zeiten — und die Hauptmahlzeit mittags, wenn das Verdauungsfeuer am stärksten brennt.
Konkret bedeutet das: Frische Lebensmittel, die du erkennst. Gerichte, die aus echten Zutaten bestehen, die du selbst zusammengestellt hast. Keine Zutatenliste mit zwölf chemischen Verbindungen. Kein Essen auf der Autobahn, zwischen zwei Zoom-Calls, mit dem Handy in der Hand.
Und — das ist der ayurvedische Kern — Ernährung, die zu dir passt. Nicht die universelle Superdiät, die für alle gilt. Denn wir sind nicht alle gleich. Was einem Vata-Typ nützt, kann einem Kapha-Typ schaden. Was im Winter sinnvoll ist, ist im Sommer falsch. Gesundheit ist keine Schablone, die man über alle drüberlegt. Sie ist individuell, sie ist saisonal, sie ist lebendig.
Wenn das Verdauungsfeuer — das Agni — klar und kräftig brennt, dann entsteht kein Ama. Dann kommen die Nährstoffe aus echtem Essen bei den Zellen an. Dann braucht man keine Kapsel, die das nachholt, was der Körper eigentlich selbst kann.
Ein letzter Gedanke
Ich will die Menschen nicht beschämen, die täglich ihre Vitaminkapseln schlucken. Die Intention dahinter ist gut — der Wunsch nach Gesundheit, nach Vitalität, nach einem langen Leben. Das ist zutiefst menschlich.
Aber ich wünsche mir, dass mehr Menschen die Frage stellen: Warum bin ich überhaupt erschöpft? Warum fehlt mir etwas? Was blockiert mich?
Die Antwort liegt selten in einem Nährstoffmangel. Sie liegt fast immer in dem, was zu viel da ist — zu viel Stress, zu viel verarbeitetes Essen, zu viel chemischer Input, zu viel Tempo.
Weniger ist mehr. Das war der Grundsatz der Ayurvedischen Medizin vor fünftausend Jahren. Und er gilt heute mehr denn je.
www.welllveda.de
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
