Goodgevity statt Longevity – man kann am Leben nicht vorbeigehen
Longevity ist gerade schwer angesagt. Gefühlt möchte inzwischen jeder möglichst lange leben. Und zwar nicht einfach nur lange, sondern am besten 120, 130 oder gleich 150 Jahre. Natürlich bei bester Gesundheit, vollem Haar und mit einem biologischen Alter von 47.
Es wird gemessen, getrackt, optimiert und supplementiert, was das Zeug hält. Schlaf wird überwacht, der Blutzucker kontrolliert, Blutwerte werden analysiert und wahrscheinlich gibt es bald eine App, die einem morgens sagt, ob man heute überhaupt schon alt genug ist, um Kaffee zu trinken.
Grundsätzlich finde ich das alles gar nicht schlecht.
Im Gegenteil: Sich vernünftig zu ernähren, sich zu bewegen, ausreichend zu schlafen und ein bisschen auf seinen Körper zu achten, kann sicher nicht schaden. Und natürlich kann man damit einiges beeinflussen.
Nur eines kann man eben nicht beeinflussen:
Wenn du dran bist, bist du dran.
Dann ist Feierabend.
Da kannst du dein ganzes Leben Müsli gegessen, jeden Morgen meditiert, 10.000 Schritte gemacht und deine Nahrungsergänzungsmittel fein säuberlich nach Uhrzeit sortiert haben.
Oder du hast lieber Kognak getrunken, geraucht und dich von Currywurst ernährt.
Wenn deine Zeit gekommen ist, ist sie gekommen.
Der Tod interessiert sich nämlich erstaunlich wenig für deinen Lebensstil.
Das ist vielleicht nicht besonders tröstlich, aber es ist nun einmal so.
Was wir tatsächlich beeinflussen können
Und trotzdem – oder gerade deshalb – finde ich das Thema Gesundheit und Longevity interessant.
Denn wir haben zwar keinen Einfluss darauf, wann wir sterben.
Aber wir haben durchaus einen gewissen Einfluss darauf, wie wir uns fühlen, solange wir leben.
Und das ist ja nun auch nicht ganz unwichtig.
Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man mit 80 noch auf dem Fahrrad sitzt und durch den Schwarzwald fährt oder ob man zwar theoretisch noch lebt, aber seine letzten zehn Jahre überwiegend auf einer Wendematratze im Pflegeheim verbringt.
Beides sind Lebensjahre.
Aber ich würde trotzdem die Schwarzwald-Variante bevorzugen.
Wenn ich älter werde, möchte ich möglichst lange noch Dinge machen können. Reisen. Wandern. Radfahren. Freunde treffen. Gut essen. Lachen. Vielleicht noch einmal irgendwo hinfahren, wo ich noch nie war.
Kurz gesagt: Ich möchte möglichst lange am eigenen Leben teilnehmen können.
Und genau deshalb macht eine vernünftige Lebensführung für mich Sinn.
Nicht als Garantie gegen den Tod.
Sondern als Investition in die Zeit davor.
Goodgevity
Und deshalb gefällt mir mein eigener Begriff inzwischen fast besser als Longevity:
Goodgevity.
Denn mir geht es gar nicht in erster Linie darum, möglichst viele Jahre auf den Lebenszähler zu bekommen.
Mir geht es darum, möglichst viele gute Jahre zu haben.
Jahre, in denen der Körper noch einigermaßen mitmacht. In denen man sich wohlfühlt. In denen man nicht für jede Kleinigkeit Hilfe braucht. In denen man noch neugierig ist und Lust auf das Leben hat.
Das bedeutet natürlich, dass man etwas für sich tun sollte.
Vernünftig essen.
Sich bewegen.
Nicht rauchen.
Nicht jeden Abend drei Flaschen Kognak trinken.
Ausreichend schlafen.
Und vielleicht ab und zu auch mal das Smartphone weglegen und einfach rausgehen.
Das alles ist keine schlechte Idee.
Aber jetzt kommt der andere Teil.
Der Kuchen darf bleiben
Denn wenn wir schon versuchen, möglichst lange gut zu leben, sollten wir dabei nicht vergessen, zu leben.
Was bringt es mir, wenn ich zwar theoretisch meinen Körper perfekt optimiere, aber sämtliche schönen Dinge aus meinem Leben streiche?
Kein Kuchen, weil Zucker.
Kein Wein, weil Alkohol.
Kein gutes Essen, weil Kalorien.
Keine lange Nacht mit Freunden, weil der Schlaftracker am nächsten Morgen beleidigt ist.
Keine spontane Reise, weil sie meinen perfekt ausgetüftelten Trainingsplan durcheinanderbringt.
Irgendwann sitzt man dann kerngesund zu Hause und wartet auf den nächsten Bluttest.
Das kann es ja auch nicht sein.
Ich glaube eher an Balance.
Natürlich sollte man auf sich achten. Aber man sollte sich nicht ständig selbst dabei zuschauen.
Man darf auch mal ein gutes Essen genießen.
Man darf ein Glas Wein trinken.
Man darf lange aufbleiben.
Man darf feiern.
Man darf sich verlieben, sich ärgern, lachen, tanzen und gelegentlich Dinge tun, die auf irgendeiner Gesundheits-App wahrscheinlich als „suboptimal“ bezeichnet werden.
Das Leben ist nämlich kein Gesundheitsseminar.
Bewusst leben
Für mich gehört deshalb noch etwas ganz Wichtiges zu Goodgevity:
bewusst leben.
Nicht einfach nur funktionieren und hoffen, dass irgendwann später das richtige Leben anfängt.
Sondern wahrnehmen, dass das hier schon das Leben ist.
Jetzt.
Diese Woche.
Dieser Sommer.
Diese Reise.
Dieses Essen.
Dieser Abend mit Freunden.
Natürlich kann man sich dabei um seinen Körper kümmern. Im Gegenteil. Je besser man sich fühlt, desto mehr kann man vom Leben mitnehmen.
Wenn ich körperlich fit bin, kann ich wandern.
Wenn ich beweglich bin, kann ich Rad fahren.
Wenn ich gesund bin, kann ich reisen.
Wenn ich mich gut fühle, habe ich mehr Energie für die Menschen und Dinge, die mir wichtig sind.
Gesundheit ist also nicht das Ziel. Sie ist das Werkzeug.
Das finde ich einen ziemlich wichtigen Unterschied.
Man kann am Leben nicht vorbeigehen
Vielleicht ist das meine eigentliche Kritik an der ganzen Longevity-Euphorie:
Manchmal entsteht der Eindruck, als wäre das große Ziel des Lebens, möglichst lange nicht zu sterben.
Ich sehe das etwas anders.
Natürlich möchte ich möglichst lange leben. Wer möchte das nicht?
Aber ich möchte vor allem möglichst lange gut leben.
Ich möchte nicht irgendwann auf mein Leben zurückschauen und feststellen, dass ich die besten Jahre damit verbracht habe, meine Lebensdauer zu optimieren.
Ich möchte sie erlebt haben.
Mit allem, was dazugehört.
Mit gesundem Essen und mit schlechtem Essen.
Mit Sport und mit Faulenzen.
Mit Salat und mit Schwarzwälder Kirschtorte.
Mit Mineralwasser und gelegentlich auch mit Kognak.
Mit Vernunft – aber bitte nicht ausschließlich.
Denn man kann am Leben nicht vorbeigehen.
Man muss es mitnehmen.
Alles, was geht.
Natürlich mit Sinn und Verstand. Ein bisschen auf den eigenen Körper achten gehört dazu. Aber eben auch genießen, neugierig bleiben und sich nicht jeden schönen Moment verbieten, nur weil er nicht optimal für irgendeinen Biomarker ist.
Denn wir wissen nicht, wie viele Jahre wir bekommen.
Aber wir können ein Stück weit beeinflussen, was wir mit diesen Jahren anfangen.
Und wenn irgendwann der große Rausschmeißer vor der Tür steht und sagt: „So, das war's jetzt“, dann hilft uns vermutlich weder Müsli noch Kognak weiter.
Bis dahin möchte ich allerdings möglichst lange derjenige sein, der noch auf dem Fahrrad sitzt und durch den Schwarzwald fährt.
Und danach vielleicht irgendwo einkehrt.
Für ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte.
Das ist für mich Goodgevity.
Nicht unbedingt länger leben.
Sondern möglichst lange gut leben.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
