1. Startseite
  2. Blog
  3. Gebraucht werden...

· Carsten Schneider

Gebraucht werden...

Die ganze Diskussion rund um Rente, Sozialsystem und Arbeit wird gerade ziemlich laut geführt. Man hört ständig irgendwas von Kürzungen, von „das System hält nicht mehr lange“ und dass man sich doch bitte privat absichern soll. Klar, das verunsichert viele – gerade ältere Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet und eingezahlt haben.

Und gleichzeitig passiert ja noch was anderes, was man nicht wegdiskutieren kann: Die Arbeitswelt verändert sich gerade massiv. KI, Automatisierung, Digitalisierung – da fallen Jobs weg oder sehen ganz anders aus als früher. Das betrifft nicht nur die Älteren, sondern genauso die Jüngeren, die jetzt erst reinkommen. Und da stellt sich schon die Frage: Wovon soll man eigentlich leben, und vor allem – wofür steht man morgens auf?

Weil das ist ja der Punkt, über den man viel zu selten spricht: Arbeit ist nicht nur Geld. Arbeit ist Struktur. Kontakt. Das Gefühl, dass man gebraucht wird. Wenn das wegfällt, ist das nicht einfach „mehr Freizeit“, sondern für viele erstmal ein Loch.

Ich sehe das bei älteren Menschen ziemlich deutlich. Manche kommen gut klar, genießen ihren Ruhestand, haben Hobbys, Familie, Freunde. Alles gut. Aber viele eben auch nicht. Die sitzen dann viel zuhause, ziehen sich zurück, machen ihren Alltag runter – Einkaufen, Fernsehen, Zeitung, das war’s dann irgendwann. Und irgendwann fehlt da einfach dieser Punkt: Ich werde noch gebraucht.

Und ehrlich gesagt betrifft das die Jüngeren genauso, nur eben anders. Wenn du keinen Platz mehr findest in einer Arbeitswelt, die sich ständig verändert oder dich gar nicht mehr richtig braucht, dann ist das auch ein ziemlich hartes Gefühl. Nicht nur finanziell, sondern im Kopf. Dieses „wo gehöre ich eigentlich hin?“.

Ich glaube, wir müssen uns da ehrlich machen: Ich muss ja nicht gleich 40 Stunden irgendwo sitzen, um gebraucht zu werden – Hauptsache, ich habe überhaupt eine Aufgabe, in der ich sinnvoll eingebunden bin. Und genau da müssen wir neue Formen von Arbeit und vor allem neue Formen von Dazugehören entwickeln. Nicht jeder muss im klassischen Sinne Vollzeit „funktionieren“, um Teil der Gesellschaft zu sein.

Und dazu gehört auch ganz praktisch: Wenn jemand etwas dazuverdienen will, dann muss das viel unbürokratischer möglich sein. Nicht diese ganzen Hürden, Steuerkram, Extra-Erklärungen und Papierkrieg, der am Ende eher abschreckt als hilft. Das muss einfacher gehen, sonst blockieren wir genau das, was eigentlich sinnvoll wäre.

Genau deswegen finde ich Sachen wie unseren Silent Circle wichtig. Das ist jetzt kein großes Konzept oder irgendein fancy Projekt, sondern erstmal ziemlich simpel: Leute kommen zusammen. Setzen sich hin, bewegen sich gemeinsam, meditieren, reden auch mal, oder sagen auch mal nichts. Und danach geht jeder wieder in seinen Alltag, aber eben nicht ganz so alleine wie vorher.

Da bringt jeder irgendwas mit. Der eine Erfahrung, der andere Ruhe, der nächste einfach ein offenes Ohr. Und genau daraus entsteht was, was man sonst im Alltag oft verliert: Kontakt auf Augenhöhe, ohne Druck, ohne irgendeine Rolle spielen zu müssen.

Ich würde mir echt wünschen, dass es davon mehr gibt. Gerade auch für ältere Menschen. Nicht alles alleine zuhause aussitzen, sondern wieder mehr rausgehen, sich treffen, Teil von etwas sein. Und ja, auch einfach mal wieder merken: Man ist nicht raus aus dem Leben, nur weil man nicht mehr arbeitet.

Und wenn das mehr Leute aufgreifen, vielleicht auch in anderen Städten, anderen Gruppen, dann wäre das schon viel gewonnen.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen