Es gibt einen Punkt im Leben, über den man nicht so gerne spricht.
Vielleicht, weil er sich zunächst ein bisschen wie ein persönliches Versagen anfühlt.
Man hat gelebt. Man hat gearbeitet. Man hat sich etwas aufgebaut. Man hat geliebt, gelitten, gekämpft, Entscheidungen getroffen, Risiken eingegangen und vielleicht auch einiges erreicht, von dem man früher einmal dachte: Wenn ich das geschafft habe, dann bin ich angekommen.
Und irgendwann sitzt man da und merkt:
Ich will eigentlich gar nichts mehr.
Genau da bin ich gerade.
Ich bin 62. Und wenn ich auf mein Leben zurückblicke, kann ich wirklich sagen: Ich habe vieles von dem erlebt und erreicht, was mir einmal wichtig war. Es gibt nicht dieses eine große unerledigte Ding, bei dem ich denke: Wenn ich das noch schaffe, dann ist alles gut.
Im Gegenteil.
Mein Leben ist reich.
Und trotzdem fehlt mir gerade etwas.
Dieses Brennen.
Diese innere Bewegung, bei der man plötzlich denkt: Das will ich. Unbedingt.
Ich kenne mich eigentlich gut genug, um zu wissen: Wenn ich etwas wirklich will, dann finde ich normalerweise einen Weg. Dann kann ich mich konzentrieren, dranbleiben, Hindernisse überwinden und mir Mittel und Wege suchen.
Daran liegt es nicht.
Das eigentliche Problem ist viel banaler und gleichzeitig viel schwieriger:
Ich weiß nicht, was ich wollen soll.
Und vielleicht betrifft das viel mehr Menschen, als man denkt.
Nicht nur mit 62. Vielleicht mit 70. Vielleicht mit 80. Oder irgendwann dazwischen.
Denn solange wir jünger sind, ist das Leben voller vorgegebener Ziele. Ausbildung. Beruf. Geld verdienen. Familie. Haus. Reisen. Gesundheit. Sicherheit. Anerkennung. Irgendetwas gibt es fast immer, worauf man hinarbeitet.
Und dann kommt irgendwann dieser seltsame Moment:
Man hat vieles davon gehabt.
Und plötzlich funktioniert der alte Motor nicht mehr.
Vielleicht ist das gar keine Krise
Ich habe zunächst gedacht, mit mir stimmt etwas nicht.
Vielleicht blockiere ich mich selbst.
Vielleicht fühle ich mich nicht gut genug, etwas zu beanspruchen. Vielleicht gibt es irgendwo in mir noch dieses alte Muster: Das steht mir nicht zu. Ich bin es nicht wert. Ich darf nicht zu viel wollen.
Und ja, solche Muster gibt es wahrscheinlich.
Aber ich glaube inzwischen, dass man aufpassen muss, nicht jede fehlende Sehnsucht sofort zu einem psychologischen Problem zu machen.
Vielleicht will ich manches tatsächlich nicht mehr.
Vielleicht ist das keine Blockade.
Vielleicht ist es einfach das Ende einer bestimmten Lebensphase.
Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen:
„Ich will etwas, traue mich aber nicht, es zu nehmen.“
und
„Ich will es tatsächlich nicht.“
Das sollte man nicht verwechseln.
Und vielleicht ist genau das die interessante Aufgabe an diesem Punkt des Lebens:
Nicht krampfhaft ein neues Ziel zu suchen, sondern erst einmal herauszufinden, was überhaupt noch lebendig ist.
Wir glauben immer, wir müssten ein neues großes Ziel finden
Das ist vielleicht einer der größten Irrtümer.
Wenn man keine Leidenschaft mehr spürt, denkt man schnell:
Ich brauche ein neues Projekt.
Ich muss noch einmal richtig durchstarten.
Ich muss etwas finden, wofür ich brenne.
Aber vielleicht ist genau dieser Druck das Problem.
Denn Leidenschaft kann man nicht beschließen.
Man kann nicht morgens aufstehen und sagen:
„So. Ab heute interessiere ich mich wieder brennend für etwas.“
Das funktioniert nicht.
Leidenschaft taucht meistens auf, wenn uns etwas begegnet.
Ein Mensch.
Eine Idee.
Ein Ort.
Ein Buch.
Eine Begegnung.
Eine Herausforderung.
Etwas, das wir plötzlich sehen und denken:
„Das ist interessant.“
Und vielleicht müssen wir in dieser Lebensphase wieder lernen, diesen kleinen Regungen zuzuhören.
Nicht gleich nach dem großen Sinn des Lebens suchen.
Sondern erst einmal fragen:
Was interessiert mich noch?
Was macht mich neugierig?
Was berührt mich?
Worauf reagiere ich plötzlich?
Wobei vergesse ich für eine Weile die Uhr?
Was macht mich ein bisschen neidisch – im guten Sinne?
Wo denke ich: Das würde ich auch gerne können.
Und vielleicht sogar:
Was würde ich ausprobieren, wenn es völlig egal wäre, ob ich damit Erfolg habe?
Diese letzte Frage finde ich besonders spannend.
Vielleicht müssen wir wieder Anfänger werden
Wenn man im Leben viel erreicht hat, hat man irgendwann einen Ruf zu verlieren – selbst wenn dieser Ruf nur im eigenen Kopf existiert.
Man möchte Dinge können.
Man möchte kompetent sein.
Man möchte nicht bei null anfangen.
Und so lässt man vielleicht manche Dinge gar nicht mehr zu.
Dabei könnte genau darin etwas liegen.
Vielleicht brauchen wir mit 62, 70 oder 80 nicht unbedingt das nächste große Ziel.
Vielleicht brauchen wir etwas, bei dem wir wieder Anfänger sein dürfen.
Etwas, worin wir schlecht sind.
Etwas, das keinen wirtschaftlichen Nutzen hat.
Etwas, das niemand beeindruckend findet.
Etwas, das wir einfach machen, weil es uns Spaß macht.
Das ist für einen Menschen, der lange leistungsorientiert gelebt hat, gar nicht so einfach.
Denn wir haben uns angewöhnt zu fragen:
Was bringt mir das?
Was kann daraus werden?
Ist das sinnvoll?
Kann ich damit etwas erreichen?
Vielleicht darf irgendwann eine andere Frage kommen:
„Macht mir das Freude?“
Das reicht.
Und dann gibt es noch eine andere Möglichkeit
Vielleicht verändert sich mit zunehmendem Alter auch die Frage selbst.
Früher war meine Frage oft:
Was kann ich noch erreichen?
Vielleicht wird sie irgendwann:
Was möchte ich noch erleben?
Und irgendwann vielleicht:
Was möchte durch mich noch entstehen?
Das ist etwas völlig anderes.
Dann geht es nicht mehr unbedingt darum, noch etwas zu besitzen, zu beweisen oder zu erreichen.
Vielleicht geht es um Ausdruck.
Um etwas weiterzugeben.
Um einen Gedanken.
Ein Buch.
Ein Gespräch.
Eine Freundschaft.
Eine Idee.
Eine Form von Schönheit.
Wissen.
Erfahrung.
Vielleicht darum, einen anderen Menschen ein Stück weiterzubringen.
Vielleicht darum, etwas zu machen, das überhaupt keinen Nutzen hat.
Vielleicht darum, noch einmal eine völlig neue Welt zu betreten, von der man heute noch gar nicht weiß, dass sie einen interessiert.
Ich glaube, wir müssen uns nicht neu erfinden
Das gefällt mir an diesem Gedanken besonders.
Wenn man irgendwann merkt: Ich brenne für nichts mehr, entsteht leicht das Gefühl, man müsse sich neu erfinden.
Vielleicht stimmt das gar nicht.
Vielleicht müssen wir nur aufhören, uns ständig zu fragen, was als Nächstes kommen muss.
Vielleicht dürfen wir eine Zeit lang einfach neugierig sein.
Ohne Ziel.
Ohne Leistungsdruck.
Ohne die Verpflichtung, daraus ein neues Lebensprojekt zu machen.
Und vielleicht taucht dann irgendwann etwas auf.
Nicht unbedingt mit einem großen Knall.
Vielleicht ganz unspektakulär.
Ein Gedanke, bei dem man länger hängen bleibt.
Ein Mensch, mit dem man unbedingt reden möchte.
Ein Thema, über das man plötzlich drei Stunden liest.
Eine Reise, auf die man eigentlich gar keine Lust hatte – und dann merkt man, dass man genau darauf gewartet hat.
Eine Tätigkeit, bei der man sich plötzlich wieder ein bisschen lebendig fühlt.
Vielleicht beginnt das nächste Kapitel des Lebens nicht mit einer großen Vision.
Vielleicht beginnt es mit einem kleinen:
„Hm. Das interessiert mich.“
Und dann schaut man einfach mal, wohin es geht.
Ich glaube inzwischen sogar, dass es eine große Freiheit sein kann, an diesem Punkt anzukommen.
Nicht mehr alles erreichen zu müssen.
Nicht mehr beweisen zu müssen, wer man ist.
Nicht mehr unbedingt irgendjemand werden zu müssen.
Sondern irgendwann sagen zu können:
Ich habe schon viel gelebt. Und jetzt darf ich herausfinden, was mich noch ruft.
Vielleicht ist das keine Leere.
Vielleicht ist es ein Freiraum.
Und vielleicht wartet darin nicht das nächste große Ziel.
Vielleicht wartet darin etwas viel Interessanteres:
ein Leben, das nicht mehr davon bestimmt wird, was wir unbedingt haben müssen – sondern davon, was uns tatsächlich noch lebendig macht.
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
