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· Carsten Schneider

Klösterliche Braukunst mal anders

Im Winter 1989 war ich wieder einmal in Thailand unterwegs. Mein Weg führte mich nach Surat Thani, jener Stadt an der Ostküste, die damals für viele Reisende vor allem das Tor nach Koh Samui war. Von hier aus gingen die Fähren auf die Insel, die damals noch weit entfernt war von dem Touristenrummel späterer Jahre.

Ich hatte allerdings ein anderes Ziel. Mein Onkel, der Mönch Damawiro, hatte mir die Adresse des Abtes eines bekannten Waldklosters gegeben. Gemeint war das Kloster Suan Mokkh bei Chaiya, gegründet von dem berühmten buddhistischen Gelehrten und Meditationsmeister Buddhadasa Bhikkhu.

Suan Mokkh war kein prunkvoller Tempel mit goldenen Dächern und Touristenständen. Es war ein Waldkloster im ursprünglichen Sinn: einfache Gebäude zwischen Bäumen, sandige Wege, Meditationsplätze unter freiem Himmel und eine Atmosphäre, die eher an einen stillen Park als an einen Tempel erinnerte. Die Idee dahinter war, zum Wesentlichen zurückzukehren – weniger Zeremonien, mehr Meditation, mehr Nachdenken über das eigene Leben. Schon damals zog das Kloster viele westliche Besucher an, die für einige Wochen oder Monate dort lebten, meditierten und versuchten, dem Lärm des Alltags zu entkommen.

Als ich ankam, erfuhr ich, dass der Obermönch gerade beschäftigt sei. „Eine Stunde vielleicht“, sagte man mir. Wer Thailand kennt, weiß, dass eine Stunde eine erstaunlich flexible Zeiteinheit sein kann.

Also setzte ich mich in den Schatten eines Baumes und wartete.

Nach einiger Zeit gesellte sich ein Deutscher zu mir. Er war Mitte vierzig, trug die einfache weiße Kleidung der Laienpraktizierenden und hatte den entspannten Gesichtsausdruck eines Menschen, der schon mehrere Wochen weder Termine noch Telefonate erlebt hatte.

Wir kamen ins Gespräch.

„Und was machen Sie normalerweise?“, fragte ich.

„Ich bin Braumeister.“

Das erschien mir zunächst wenig überraschend. Deutsche Braumeister gibt es schließlich einige.

„Wo denn?“

„In Bangkok.“

Das machte mich neugierig.

„Und für welche Brauerei?“

Er lächelte.

„Singha.“

Von allen Orten in Thailand, an denen ich hätte einen Deutschen treffen können, saß ich nun ausgerechnet in einem buddhistischen Waldkloster neben dem Mann, der für das bekannteste Bier des Landes verantwortlich war.

Die Situation hatte eine gewisse Komik. Da saßen wir in einem Kloster, in dem Enthaltsamkeit, Meditation und geistige Klarheit gepflegt wurden, und neben mir saß jemand, dessen berufliche Aufgabe darin bestand, Millionen Liter Bier möglichst schmackhaft zu machen.

Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen:

„Und wie verträgt sich das mit der Meditation?“

Er dachte kurz nach.

„Eigentlich ganz gut. Die Mönche versuchen herauszufinden, warum Menschen leiden. Ich versuche herauszufinden, warum sie am Freitagabend zwei Flaschen mehr trinken als geplant.“

Den Rest des Nachmittags verbrachten wir mit Gesprächen über Thailand, Deutschland und die seltsamen Wege, auf denen Menschen durchs Leben reisen.

Irgendwann erzählte er, dass er jedes Jahr einige Wochen ins Kloster gehe. In Thailand sei das nichts Ungewöhnliches. Viele Männer verbringen zumindest zeitweise als Mönch oder Klostergast eine Phase der Besinnung. Für ihn sei das der perfekte Gegenpol zu seinem Beruf.

„Wenn man das ganze Jahr Bier braut“, sagte er, „muss man gelegentlich an einen Ort gehen, an dem das spannendste Getränk eine Tasse Tee ist.“

Später wurde ich schließlich zum Obermönch geführt. Doch von diesem Besuch blieb mir nicht nur die Begegnung mit dem Abt in Erinnerung. Fast noch besser erinnere ich mich an den deutschen Braumeister von Singha Beer, den ich ausgerechnet in einem stillen Waldkloster traf – vermutlich der einzige Ort in Thailand, an dem ein Bierbrauer freiwillig mehrere Wochen lang keinen Tropfen seines eigenen Produkts anrührte.

Die Geschichte hat vermutlich genau deshalb bis heute überlebt: Weil Thailand immer wieder diese unwahrscheinlichen Begegnungen möglich macht, bei denen man morgens einen buddhistischen Mönch besuchen will und nachmittags mit dem Braumeister des bekanntesten thailändischen Bieres unter einem Baum über die Vergänglichkeit des Lebens philosophiert.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen