Kapitalismus bis zum Letzten – Gedanken über eine Welt, in der der Mensch nur noch stört...
Ich weiß nicht genau, wann es gekippt ist. Vielleicht war es schleichend, vielleicht war es schon immer da – und ich habe es nur nicht sehen wollen. Aber eines ist für mich heute klar: Moral und Ethik waren ein Luxus des letzten Jahrtausends. Heute herrscht etwas anderes. Es ist ein System, das keine Werte mehr kennt, außer einem: Kapitalismus. Und zwar in seiner reinsten, gnadenlosesten Form.
Am deutlichsten sehen wir das gerade bei Donald Trump. Ein Mann, der aus der völligen Entgrenzung des Egos ein Geschäftsmodell gemacht hat. Kein Anstand, kein Respekt, keine Rücksicht. Nur ein permanenter Griff nach Macht, Geld und Aufmerksamkeit. Früher hätte man so jemanden einen Narzissten genannt. Heute nennt man ihn einfach „erfolgreich“. Das ist kein Ausrutscher – es ist Zeitgeist.
Und es bleibt nicht bei Amerika. Auch Russland und China, beides einst sozialistische Staaten mit kollektivistischen Idealen, haben den Kapitalismus längst gefressen – und umgedreht. In Russland regieren Oligarchen, in China ein digitaler Kontrollstaat, der seine Bevölkerung wie eine gigantische Produktionsmaschine verwaltet. Die Ideologie spielt kaum noch eine Rolle – sie ist nur Kulisse. Alles wird untergeordnet: dem Wachstum, dem Profit, der Macht.
Und wir? Wir machen mit. Jeder für sich, alle gegeneinander. Konsum ersetzt Gemeinschaft. Wettbewerb ersetzt Solidarität. Der Mensch ist nicht mehr Mitbürger, sondern Marke. Nicht mehr Nachbar, sondern Konkurrent.
Und das ist erst der Anfang.
Wenn es stimmt, was Prognosen sagen – dass bis 2050 nur noch ein Drittel der Menschen einen Arbeitsplatz haben wird, weil der Rest durch KI und Maschinen ersetzt wird –, dann stehen wir nicht vor einer technischen Revolution, sondern vor einem sozialen Kollaps. Was passiert mit all denen, die keine Aufgabe mehr haben? Keine Verantwortung? Kein Ziel? Bekommt jeder einfach ein Grundeinkommen und darf dann still konsumieren, solange er die Klappe hält?
Wer glaubt, das wird gutgehen, hat den Menschen nicht verstanden.
Arbeit ist nicht nur Lohn – sie ist Bedeutung. Sie ist Stolz. Sie ist Verbindung. Wenn all das wegfällt, fällt nicht nur die Beschäftigung – es fällt der Selbstwert. Schon heute sehen wir, wohin das führt: Depression, Einsamkeit, Suizid. Menschen, die das Gefühl haben, nicht mehr gebraucht zu werden, fangen an, sich selbst aufzugeben. Oder sie suchen sich andere Wege: in die Sucht, in die Kriminalität, in die Radikalisierung.
Und der Staat? Der Staat verwaltet das Elend. Vielleicht gibt es bald ein Grundeinkommen. Vielleicht auch nicht. Aber selbst wenn: Wird es wirklich ein Leben ersetzen? Oder ist es nur ein Schweigegeld?
Gleichzeitig werden wir rund um die Uhr überwacht. Alles, was wir tun, klicken, sagen, kaufen, wird gespeichert, analysiert, verkauft. Der Mensch wird zur gläsernen Henne im digitalen Legebatterie-System: gefüttert mit Algorithmen, gesteuert von Reizen, gehalten für den Konsum. Freiheit? Nur noch als Design. Verantwortung? Nur noch als Produktmerkmal.
Das alles passiert nicht plötzlich – es passiert jetzt. Leise, effizient, systematisch.
Und ich frage mich: Was bleibt eigentlich noch vom Menschen, wenn er nichts mehr zu tun hat, nichts mehr entscheiden darf, nichts mehr beitragen kann? Wenn er nur noch existiert, um zu konsumieren, bis auch das automatisiert ist?
Ich glaube: Dann ist er nicht mehr Mensch – sondern nur noch Ressource. Und wenn wir diesen Kurs nicht ändern, werden wir in einer hochentwickelten Welt aufwachen, die niemand mehr bewohnen will. Technologisch brillant, aber seelisch leer. Glänzend von außen, aber verrottet von innen.
Noch ist es nicht zu spät. Noch können wir uns entscheiden, ob wir eine Zukunft wollen, in der der Mensch zählt – oder nur noch sein Output. Aber wir sollten uns beeilen. Denn der Kapitalismus wartet nicht.
– Carsten Schneider
Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen
