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· Carsten Schneider

So schön wie es einmal war...

Die Suche nach dem Angenehmen ist eine Form der Ablehnung. Wer das Leben ablehnt, verschließt sich seinem Fluss – und gerade dadurch dem, wonach er sucht.

Ich beobachte gerade etwas, das mich nachdenklich macht. Überall spüre ich eine tiefe Unzufriedenheit – mit der Politik, mit der Wirtschaft, mit dem Zustand der Welt. Dabei vergessen wir etwas Entscheidendes: All das, was jetzt ist, ist nicht über uns hereingebrochen. Es ist die Summe unseres eigenen Handelns, über Jahre, über Jahrzehnte. Was uns heute begegnet, haben wir selbst gesät. Die Schuld woanders zu suchen, mag beruhigen – aber es ist unehrlich.

Der Griff nach dem Schönen

In Zeiten der Unsicherheit passiert etwas Menschliches: Wir klammern uns an das, was einmal schön war. An die Vergangenheit, die im Rückblick immer heller leuchtet, als sie war.

Oder wir suchen Trost in der Gemeinschaft – Yogafestivals, gemeinsames Singen, Tanzen und Singen spiritueller Lieder.

Und das ist per se nicht falsch. Menschen brauchen einander, brauchen Austausch, brauchen Momente der Leichtigkeit.

Aber ich frage mich: Ist das wirklich Heilung – oder ist es Betäubung?

Denn wenn das gemeinsame Singen, das Festival, der Kreis nur dazu dient, die Angst für ein paar Stunden zu übertönen, dann unterscheidet sich das im Kern kaum von anderen Fluchtwegen. Auch ein Rave betäubt. Auch eine Substanz betäubt. Der Effekt ist derselbe: Für einen Moment ist die Angst weg – und danach ist sie wieder da, unverändert, weil nichts an ihrer Wurzel berührt wurde.

Die eigentliche Arbeit findet woanders statt

Was wirklich gefragt ist, ist unbequemer: die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst. Mit der eigenen Konditionierung. Mit den eigenen Verletzungen. Mit den Mustern, die wir seit Jahren mit uns herumtragen, ohne sie wirklich anzuschauen.

Der alte Gedanke aus der chinesischen Philosophie bringt es auf den Punkt: Bevor du dich aufmachst, die Welt zu verbessern, gehe dreimal um dein eigenes Haus. Genau das ist jetzt dran. Kein Schmuck, kein Tamtam, kein Festival, kein Singsang – sondern der stille, oft unspektakuläre Schritt zurück: Wie sieht es wirklich bei mir aus?

Diese Frage lässt sich nicht mit einer Kerze und einem Klangschalenritual beantworten. Sie verlangt, der Wahrheit ins Auge zu sehen – so, wie sie ist. Nicht so, wie sie schöner klingen würde. Und dann diese Wahrheit auch anzunehmen, statt sie wegzuschieben.

Warum Ablehnung eng macht

Hier schließt sich der Kreis zum Eingangszitat. Alles, was wir ablehnen – in uns wie in der Welt – macht uns eng. Und Enge lässt nichts fließen. Keine Energie, kein Leben, keine Entwicklung. Das gilt spirituell, aber genauso körperlich: Ein verspannter, verengter Körper wird schlechter mit Nährstoffen versorgt. Ein verengter Geist erst recht nicht mit Klarheit. Und ein verengter Spirit findet keinen Zugang zu dem, wonach er eigentlich sucht.

Wer das Leben ablehnt – wer sich weigert anzuerkennen, was gerade ist – verschließt sich damit genau dem Fluss, aus dem Veränderung überhaupt erst entstehen könnte.

Akzeptanz ist nicht Zustimmung

An dieser Stelle kommt ein Begriff ins Spiel, der oft missverstanden wird: Akzeptanz. Akzeptanz bedeutet nicht, alles gut zu finden. Man darf etwas schlecht finden. Man darf sagen: Das, was gerade passiert, finde ich richtig beschissen. Das ist völlig legitim.

Akzeptanz bedeutet etwas anderes: anzuerkennen, dass es so ist, wie es ist – und dass es, wie eingangs beschrieben, auch immer etwas mit einem selbst zu tun hat. Erst wenn ich diese Verbindung anerkenne, kann ich überhaupt handeln, statt nur zu reagieren.

Und genau das ist der Punkt: Akzeptanz ist Offenheit. Ablehnung dagegen ist Verschluss. Wer ablehnt, was ist, verschließt sich der Entwicklung – nicht weil die Ablehnung falsch wäre als Gefühl, sondern weil sie, wenn sie zur Haltung wird, jeden weiteren Schritt blockiert. Aus Offenheit dagegen kann etwas Neues entstehen. So einfach ist das, und so schwer zugleich.

Das gilt nicht nur spirituell oder gesellschaftlich, sondern genauso körperlich und seelisch. Akzeptanz ist der erste und wichtigste Schritt jeder Heilung – ob es um einen verspannten Körper geht, eine alte Verletzung oder ein Trauma. Solange ich ablehne, was ist, kämpfe ich gegen die Realität an, und diese Anspannung hält mich genau in der Enge fest, aus der ich eigentlich heraus will. Erst die Akzeptanz löst den Widerstand – und erst dann kann sich etwas bewegen.

Verantwortung als Voraussetzung, nicht als Strafe

Wenn wir wollen, dass es wieder schöner wird, bewusster, erleuchteter – wenn wir wollen, dass sich etwas auf diesem Planeten wirklich verschiebt – dann beginnt das nicht mit einer neuen Bewegung, einem neuen Trend, einer neuen Gemeinschaft. Es beginnt damit, anzuerkennen, was jetzt ist. Und die Verantwortung dafür bei sich selbst zu suchen, nicht bei anderen.

Das bedeutet nicht, dass Gemeinschaft, Austausch oder gemeinsames Feiern falsch wären. Im Gegenteil – sie können wertvoll sein, wenn sie aus einem offenen, ehrlichen Ort kommen und nicht als Fluchtreflex vor der eigenen Innenschau. Der Unterschied liegt nicht in der Form, sondern in der Absicht: Suche ich die Gemeinschaft, um mich zu betäuben – oder um mich zu öffnen?

Die Arbeit, die jetzt ansteht, ist leise. Sie findet nicht auf der Bühne statt, nicht im Kreis, nicht im gemeinsamen Gesang. Sie findet in dem Moment statt, in dem man ganz allein vor sich selbst steht und nicht wegschaut.

Erst aus dieser Offenheit heraus kann etwas wirklich Neues entstehen.

Carsten Schneider, Heilpraktiker und Ayurveda-Therapeut in Hamburg Blankenese. Mehr über mich · Konsultation anfragen